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  • A) Das Schachspiel in den Schriften Jean Pauls
  • B) Schachkomposition und Kunst
  • C) War das Spiel aus Shar-i Sokhta etwa Schach?
  • D) Unsterbliche Gemetzel
  • E) Von der Partie zur Komposition
  • F) Schach ist voller Rätsel




A) Siegfried Schönle ( März / 2001):

Das Schachspiel in den Schriften Jean Pauls


"Wer mich rein und recht beurteilen will, muß mich in meinem Ganzen nehmen." [Harich, Walter, Jean Paul, Leipzig 1925, S.25]

0. Einleitung

"Eine kostbare Kombination machte die Partie denkwürdig."

Wovon ist die Rede?

Nein, nicht von einem Schachspiel mit seinen im Mittelspiel gewinn-bringenden Kombinationen, was nahe gelegen hätte, sondern von dem Tennisspiel zwischen Steffi Graf und Venus Williams im Juli 1999.

Zeigt dieses Beispiel doch, und es ist zahlreich zu erweitern, wie lebendig die Schachsprache ist, wie sehr sie in die verschiedensten Bereiche des allgemeinen Sprachgebrauchs eingedrungen ist und in welchem Maße das über 1000 Jahre alte Schachspiel auch heute noch geschätzt wird.

Ein frühes und buntes Beispiel einer ausdrucksstarken und variantenreichen Schachsprache ist in den Werken Jean Pauls zu finden, der in fast all seinen Texten immer wieder auf die Sprache des Schachspiels zurückgreift und darüber hinaus verschiedene Spielweisen des Schachs in die Handlungen seiner Erzählungen und Romane, seiner satirischen Bemerkungen aufnimmt.

Die Geschichte des Schachspiels, das heutige Fernschach (Briefschach), spielpraktische Theoretiker, den Schachautomaten des Baron von Kempelen kennt er, selbst schachpsychologische und -philosophische Bemerkungen können in den Schriften Jean Pauls nachgewiesen werden.

Dazu ist es sinnvoll, daß die Textstellen aus "Jean Paul´s sämmtliche Werke", die einen Schachbezug aufweisen, in häufig ungekürzter Länge zitiert werden. Damit ist das reichlich vorhandene Sprachmaterial in einer Art Gesamtschau für die Leser ausgebreitet und kann von ihnen kritisch gewürdigt werden, insbesondere durch solche Leser, die "mehr denken als sehen" möchten, aber auch, um sich an der Sprache Jean Pauls zu erfreuen. 

I. Jean Pauls Schachbiographie

Wenn sich seine Eltern mit dem Pfarrer an Sonntagen trafen, ging es dem Jungen recht gut,

"weil ich wußte, daß sie es für Sünde hielten, mich früher als nach Sonnen-untergang auszuwichsen - weil sie nach dem Abendmahl auch das Mittagmahl bei dem Pfarrer nahmen, und wir folglich das Schachbrett zum Rösselsprung frei hatten.".

So erinnert sich Jean Paul in den "Flegeljahren".

Nach Walther Harich ist es Kaplan Völkel gewesen, der in Jean Paul die Freude und, wie noch zu zeigen sein wird, das lebenslange Interesse am Schachspiel, genauer wohl auch: an der Sprache des Schachs, weckte. Kaplan Völkel, Philosophie- und Schachlehrer, "pflegte durch eine Partie Schach" den Unterricht mit dem 14jährigen Schüler zu beenden.

Dieser "schwänzt" dann künftig den Privatunterricht, weil es zu einer versprochenen Partie zwischen ihm und dem ´Schachlehrer´ nicht kam. Jean Paul zeigt sich später überrascht, daß sein Vater ihm das Fernbleiben "schweigend erlaubte".

"[...] aber ich hatte mir wie gesagt, das Schachbret in den Kopf gesetzt und blieb aus >weg<.."

Eine heftige, trotzige und entschiedene Reaktion des 14jährigen Jean Paul gegen seinen "Schachantipoden" und

"iezt sind wir nirgends mehr Gegner als auf dem Schachbret."

In einem Brief vom 24. November 1785 schreibt er an Pfarrer Völkel in Schwarzenbach:

"Mir träumte vor einigen Tagen, ich hätte Sie sechsmal aus dem Schachfelde mit meinen Officiers geschlagen. Wenn nun Träume die wirklichen Echos des Wachens sind und der Schlaf nichts als die Geschichte des Tages wiederholet: so hab´ich Grund zu glauben, daß die geträumten Siege wirkliche zum Voraus sezen und daß Sie nicht so gut spielen als es zuweilen scheint[...]

Der 22jährige hatte also einen wirklichen Schachgegner, den er über Jahre hinweg mit großem Ehrgeiz auf dem "Schachbret" so bekämpfte, daß ihn dieses spannende Spiel selbst im Traum verfolgte. Andererseits erkennt Jean Paul die besonderen Kräfte eines Traumes, nämlich, daß ein Traum nicht bloßer Reflex des Tages ist, sondern weiß vielmehr von "der Phanthasie des Traumes", daß sie "gern rochiert; und versetzt". Wenn nun der Begriff der Rochade hier im Sinne des Versetzens von König und Turm auf den Traum angewandt wird, der Wirklichkeit und Wunsch versetzt, so ließe sich schlußfolgern, daß der Dichter eben nicht in Wirklichkeit gegen Pfarrer Völkel gewinnen konnte, sondern die häufigen Verluste im Schachspiel nur schwer verschmerzte.  

II. Jean Paul und der Schachautomat des Baron von Kempelen

Zu seiner schriftstellerischen Tätigkeit gehört selbstverständlich die Aufnahme und satirische Begleitung gesellschaftlicher Ereignisse, gehört eine der gesellschaftlichen Sensationen des 18. Jahrhunderts, der Schachautomat des Baron von Kempelen. In der "Auswahl aus des Teufels Papieren" (von 1789), dem Bittgesuch "der Spieler und Damen gegen die Einführung der Kempelischen Spiel= und Sprachmaschinen" heißt es:

"Es ist als zu wol bekannt, daß vor einger Zeit zwei sonderbare Maschienen, wovon die eine spielte und die andere sprach, die große Tour durch Europa machten, und in den besten Städten abstiegen. Herr von Kempele leistete beiden Europasfahrern als Spiel= Sprach= und Hofmeister auf ihren Reisen so gut Gesellschaft als er konnte, und machte nicht wie tausend schlechtere Hofmeister ein Geheimniß daraus, daß er seine Eleven selbst gemacht. Indessen konnte doch niemand dazu ein besonderes saures Gesicht machen, da zumal diese Maschienen Jung und Alt durch ihre Uneigen-nützigkeit völlig hinrissen; denn es ist keine Erdichtung, sondern von hundert Zeugen bestätigt, daß sie von den ansehnlichen Summen, die ihnen für ihr Reden und Spielen einliefen, keinen Pfennig für sich behielten, sondern alles ihrem armen Vater, dem Herrn von Kempele ohne Überwindung zusteckten.

Zum Schaden der halben alten Welt gefiel dem letztern diese Schenkung unter den Lebendigen ganz."

Kritik, Satire und Spott mischen sich auch in den folgenden Bemerkungen, aus dem Jahre 1790, zum Schachautomaten und seinem Erbauer, Baron von Kempelen, indem er den "Gewinn", den der Baron aus dieser Europatournee zog, mit einem einzigen Verb treffend beschreibt:

"Aesse H. v. Kempele und seine Schachmaschine; sich noch durch die europäischen Hotels hindurch: so könt´ ich bei ihr hundert Responsa einholen, wo Sie wären und worüber. Die muhamedanische Maschine würde mir doch wahrhaftig mit dem Stäbgen langweilig vorbuchstabieren, was Sie iezt lesen, ob einen Ring - oder den H. Marezoll - oder einen Rokknopf, oder ein Strumpfband oder das vorige Monat dieses Journals?"

Das Pasquil richtet sich natürlich in der Hauptsache an "die schönste Frau in Deutschland", welche Leserin fühlt / fühlte sich da nicht zunächst angesprochen, kritisiert u.a. Zeiterscheinungen der Mode ("Ich hätt´ es ohnehin vor meinen Augen, wenn ichs beichtete, daß Sie Ihren Busen plombieren und einen so schönen Inhaftaten mit Brustwehren von Flor und Drath blokieren.", S. 225), aber en passant wird die Schachmaschine in dieser Kritik der Modeerscheinungen ´geschlagen´.

Wohl bekannt ist ihm dieser Automat schon vor 1785. Seine Schrift [Menschen sind die Maschinen der Engel], etwa 1785 entstanden, zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht, zeigt seine kritische Distanz zu dem Schachautomaten, in dem sich ein Mensch verbarg, und zu dem Jahrhundert, das auch das der Automaten genannt wurde. Das mechanistische Weltbild seiner Zeit teilte er nicht, betonte ausdrücklich, daß es der Mensch sei, der hinter den Maschinen als Verursacher und Beweger stehe und auch Weltgeschichte bewirke, wie er in seinen Gedanken an D. Viktor ausdrückt:

"Ich konnte den Traum noch mechanischer behandeln; aber mein Genius ruft mir überhaupt zu: Gleich der Schachmaschine; rollet die Weltmaschine mit lauten Rädern um, aber eine lebendige Seele verbirgt sich hinter den mechanischen Schein."

Herauszufinden und zu beweisen, ob der Automat ein rein mechanischer sei oder ob sich ein Mensch in ihm verberge, darüber wurde diskutiert von Professoren der Mathematik, z. B. Carl Friedrich Hindenburg und Johann Jacob Ebert, die der Auffassung waren, es handele sich um einen wahren Automaten. Andere, Lichtenberg, Böckmann und Nicolai sowie der Freiherr Joseph Friedrich zu Racknitz, hingegen meinten, der sogenannte Türke, der Schachautomat, sei ein Betrug deswegen, weil sich mit Bestimmtheit darin ein Mensch verborgen halte.

Ob Jean Paul diese oder andere Schriften seiner Zeit zum Baron von Kempelen bekannt waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Nachzuweisen ist lediglich, daß er das >Journal von und für Deutschland< gelesen hat. Er spöttelt und amüsiert sich über die dort gemachte "Bekanntmachung" der Schrift Adam Gottfried Wetzels:

"Es ist mir übrigens recht gut < so gut als iedem> bekant, daß unbedeutende Publizisten in Regenspurg ein sehr schmales Traktätgen könte[n] drucken lassen, worin man die Maschinenhaftigkeit unserer Staaten ganz gut bestritte und sich nichts daraus machte, am Ende auf den Saz zu fallen, daß einige von ihnen gleich der Schachmaschine des Kempele; ihre unzähligen Räder, Walzen, Gewichte und Rollen wirklich blos zum Spas und Schein und dazu hätten, um eben zu verbergen, daß ein Kind allein die Hand im Spiele habe: allein da in beiden die Räder und alle Gelenke einer Maschine, obgleich ohne Nuzen, doch da sind, so beweiset der Einwurf ia nicht, daß sie keine, sondern hoffentlich nur daß sie elende Maschinen sind."

Manches kann man vielleicht Jean Paul nachsagen, aber nicht, daß er dem sogenannten `Zeitgeist`, dem mechanistischen Weltbild aufge-sessen sei. Auch wenn sich in der Maschine kein "Kind" befand, so bleibt er bestimmt bei seiner Meinung, daß sich eine "Seele", eine menschliche, verberge. Die Welt, der Staat und die Menschen sind eben nicht "seelenlose" Maschinen und gegen die Unfreiheit im absolutistischen System und des höfischen Lebens seiner Zeit setzt er auf sich selbst bestimmende Menschen. Die alten Staaten seien noch ´Staatseelen´ gewesen, kritisiert er unter Bezug auf den ´Staatkörper´ in seiner "Frieden=Predigt an Deutschland gehalten", bedauert den politisch gewollten und durchgesetzten Verzicht auf "jedes Frei=Geistige"

"alles dieß, was dem Deutschen Reichkörper so wenig Reichseele [...] eingeblasen und was ihm so sehr alle Einheit des Lebensgefühls genommen [...] alles dieß, womit sich, was das deutsche Reichkabinett zu einem Modellkabinett von Maschinen macht, und selber die Maschinengötter wieder zu Maschinen und den Staatherren zu einem hölzernen Kempele´s Schachspieler;, der lebendige Unterthanen auf dem Schachbrete seines Territoriums ruhig hin und wieder stellt und zieht - alles, womit wir dem Vogel Strauß ähnlich wurden, [...] dieses Deutschen=Uebel werden die Beispiele und die Folgen der Zeit, und die Nähe und die Einwirkung einer im politischen Leben so begeisterten Nazion (gemeint ist die französische, d. Verf.), wie wir im dichtenden, zu brechen dienen."

Auch hier der Rückgriff auf die Sensation des ausgehenden 18. Jahr-hunderts - den Schachautomaten des Baron von Kempelen.

Wie aktuell noch im Jahre 1999 zu lesen, in dem die mangelnde "Einheit" zwischen Ost- und Westdeutschland beklagt wird. Deutlich zeigt sich an dieser Stelle der Aufklärer Jean Paul, mit dem man auch heute noch gegen die alles dominierende kapitalistische Rationalität argumentieren könnte. 

III. Schachgeschichtliches im Werk Jean Pauls

Es ist nach den bisherigen Bemerkungen nicht sehr verwunderlich, daß Jean Paul in der "Unsichtbaren Loge": Erster Sektor. Verlobung=Schach, seinem 1793 erschienenen Roman, in einer wohlbekannten und ausführlichen Textpassage in vielfältigster Form sowohl auf die Tradi-tionen wie auch die Formen des Schachspiels eingeht.

Sie sei hier, wegen ihres besonderen schachlichen Gehalts, ausführlich zitiert:

"Meines Erachtens war der Obristmeister von Knör blos darum so unerhört aufs Schach erpicht, weil er das ganze Jahr nichts zu thun hatte als Einmal darin der Gast, die Santa Hermandad und der theure Dispensazionbullen=Macher der Wildmeister zu sein. Der Leser wird freilich noch von keiner so unbändigen Liebhaberei gehört haben, als seine war. Das Wenigste ist, daß er alle seine Bediente aus dem Dorfe Strehpenik verschrieb, wo man durch das Schach so gut Steuerfreiheit gewinnt als ein Edelmann durch seinen sächsischen Landtag, damit er (obwol in anderem als katonischen Sinne), eben so viele Gegner als Diener hätte - oder daß er und ein Oberysselscher Edelmann in Zwoll mehr Postgeld verschrieben als verreiseten, weil sie Schach auf 250 Meilen nicht mit Fingern sondern Federn zogen - Auch das kann man sich gefallen lassen, daß er und die Kempel´sche Schachmaschine Briefe mit einander wechselten und daß des hölzernen Moslems Konviktorist und Adjudant, Hr. v. Kemple, ihm in meinem Beisein aus der Leipziger Heustraße im Namen des Muselmanns zurückschrieb, dieser rochiere - Man wird seine Gedanken darüber haben, daß er noch vor 2 Jahren nach Paris abfuhr, um ins Palais Royal und in die Sociéte du Sallon des Echecs zu gehen und sich darin als Schachgegner niederzusetzen und als Schachsieger wieder aufzuspringen, wiewol er nachher in einer demokratischen Gasse viel zusehr verprügelt wurde, da er im Schlafe schrie: gardez la Reine - Blos frappieren kann´s einen und den anderen, daß seine Tochter ihm nie einen neuen Hut oder eine neue Soubrette, die ihn ihr ansteckte, anders abgewann als zugleich im Schach - - Aber, darüber wundert und ärgert sich alles was mich lieset, Leute von jedem Geschlecht und jedem Alter, daß der Obristmeister geschworen hatte, seine Tochter keiner andern Bestie in der ganzen Ritterschaft zu geben, als einer, die ihr außer dem Herzen noch ein Schach abgewänne - und zwar in sieben Wochen.

Sein Grund und Kettenschluß war der: ,, ein guter Mathematiker ist ein guter Schachspieler;, also dieser jener - ein guter Mathematiker weiß die Differenzialrechnung zehnmal besser als ein elender - und ein guter Differenzialrechenmeister versteht sich so gut als einer aufs Deployieren und Schwenken und kann mithin seine Kompagnie (und seine Frau vollends) zu jeder Stunde kommandieren - und warum sollte man einem so geschickten, so erfahrnen Offizier seine einzige Tochter nicht geben?

- Der Leser hätte sich gewiß sogleich ans Schachbret; gesetzt und gedacht, der Zug einer solchen Quaterne aus dem Brete wie die Tochter eines Obristmeisters ist, sei ja außerordentlich leicht; aber er ist verdammt schwer, wenn der Vater selbst hinter dem Stuhle passet und der Tochter jeden Zug angibt, womit sie ihren König und ihre Tugend gegen den Leser decken soll. [...]

Ob man gleich in jedem Falle Teufelsnoth mit einer Tochter hat, man mag Abonennten an sie anzulocken oder abzutreiben haben: so hatte doch Knör bei der Sache seinen wahren Himmel auf Erden - unter so vielen Rittern, die sämtlich seine Ernestine bekriegten und verspielten. [...]

Aber ich und der Leser wollen über die ganze spielende Kompagnie wegspringen und uns neben den Rittmeister von Falkenberg stellen, der bei dem Vater steht und auch heirathen will. Dieser Offizier - [...] Er haßte nichts so sehr als Schach und Herrnhutismus;; indessen sagte Knör zu ihm, ,,Abends um 12 Uhr fingen, weil er so wollte, die sieben Spiel=Turnierwochen an, und wenn er nach 7 Wochen um 12 Uhr die Spielerin nicht aus dem Schlachtfelde ins Brautbette hineingeschlagen hätte: so thät´ es ihm von Herzen leid, und aus der achtjährigen Erziehung brauchte dann ohnehin nichts zu werden,"

Die ersten 14 Tage wurd´ in der That zu nachlässig gespielt und - geliebt.[...]

Wenn die beiden jungen Leute am Schachbret; saßen, das entweder ihre Scheidewand oder ihre Brücke werden sollte: so stand der Vater allemal als Marqueur dabei; es war aber wirklich nicht nöthig - nicht blos weil der Rittmeister so erbärmlich spielte und seine Gegenfüßlerin so philidorisch;; auch darum nicht, weil ihr die weibliche Kleiderordnung ohnehin verbot, matt oder verliebt zu werden (denn am Ende kehren Weiber und Ruderknechte allzeit eben den Rücken dem Ufer zu, an das sie anzurudern streben) - sondern aus einem noch sonderbarern Grunde war der Auxiliarforstmeister zu entrathen: die Ernestine wollte nämlich um alles gern schachmatt werden und eben deswegen spielte sie so gut. [...] in fünf Wochen konnte der Werbeoffizier nicht Einmal sagen: Schach der Königin. Die Weiber spielen ohnehin dieses Königspiel; (wie andre Königspiele) recht gut [...]

Wäre die Liebe des Rittmeisters von der Art der neuern gigantischen Liebe gewesen, [...] so wäre das Wenigste, was er hätte thun können, das gewesen, daß er auf der Stelle des Teufels geworden wäre; so aber wurd´ er blos - böse, nicht über den Vater, sondern über die Tochter, und nicht darüber, daß sie das Schachbret; nicht zum Präsentierteller ihrer Hand und ihres Herzens machte, oder daß sie gut gegen ihn spielte, sondern darüber, daß sie so sehr gut spielte. So ist der Mensch, und ich ersuche den Menschen, meinen Rittmeister nicht auszulachen. Freilich - hätt´ ich die weiblichen Reize und die Rolle Ernestinens gehabt und hätt´ ich ihn, indess er seine Kontraapproche aussann, ins betretne Gesicht geschauet, auf dessen gerundetem Munde der Schmerz über unverdiente Kränkung stand, der so rührend an Männern von Muth aussieht, sobald ihn nicht die Gichtknoten und Hautausschläge der Rache verzerren: so wär´ ich roth geworden und wäre wahrhaftig gerade zu mit der Königin (und mir dazu) ins Schach hineingefahren: denn was hätt´ich da geliebt als strenge Selberbüßung?"

| | Ernestine schreibt nun Briefe an eine Freundin | |

S. 21:

"Da ich durch das Ehepaar, von dessen Verlobung durch Schach und Katze wir sämmtlich zurückkommen, mir in 9 Monaten den Helden dieses Buches abliefern lasse: [...]"

S. 23:

"Allein da ich mich gestern zum Unglück mit dem Vorsatze ins Bett legte, heute morgen das Schach- und Ehepaar; mit drei Federzügen aus dem Brautbette ins Ehebette zu schaffen, das 19 Stunden davon steht, nämlich im Falkenbergischen Auenthal - [...]"

S. 28f, Dritter Sektor oder Ausschnitt.

"Jetzo geht erst meine Geschichte an; die Szene in Auenthal oder vielmehr auf dem Falkenbergischen Bergschlosse, das einige Ackerlängen davon lag. Das erste Kind der Schachamazone; und des sterbenden Fechters und Rittmeisters im Schach, war Gustav, welches nicht der erhabene schwedische Held ist, sondern meiner. [...]

Der Leser muß nämlich aus seinem ersten Sektor noch im Kopfe haben, daß die herrenhutisch gesinnte Obristforstmeisterin von Knör ihre Tochter Ernestine nur unter der Bedingung sich selber durch das Schach ausspielen ließ, daß der gewinnende Bräutigam in den Ehepakten verspräche, das erste Kind acht Jahre unter der Erde zu erziehen und zu verbergen, um dasselbe nicht gegen die Schönheiten der Natur und die Verzerrungen der Menschen zugleich abzuhärten."

Der Obristforstmeister von Knör scheint dem Schachspiel verfallen zu sein. Er will seine Tochter nur demjenigen zur Frau geben, der diese im Schach besiegt. Dies gelingt dem Rittmeister von Falkenberg in einem mehrere Wochen andauernden Schachkampf nicht, da dieser das Schachspiel haßt. Ernestine, die Tochter des Obristforstmeisters, verliebt sich in den Rittmeister und mit Hilfe einer List gelingt es ihr, den Rittmeister

"aus dem Schlachtfelde ins Brautbette"

hineinzuspielen. Jean Paul greift in dieser Szene, dem Spiel zwischen Mann und Frau oder um eine Frau - um die Ehe, die Liebe zur Frau auf eine bis ins Mittelalter zurückgehende literarische Tradition zurück, daß der Mann als Schachsieger zum Lohne die Dame, die Frau heiraten dürfe. So sollen, der Legende nach, der Ritter Garin de Montglane und die Königin Galienne am Hofe Karls des Großen miteinander Schach gespielt haben. Die Königin verliebte sich in Garin, dieser jedoch verschmäht ihre Liebe. Daraufhin soll der Ritter mit Karl dem Großen Schach spielen - verliert er, so verliert er auch den Kopf, gewinnt er, so auch die Krone und die Königin.

Schachhistorikern und auch Schachspielern ist heute noch, ähnlich wie Jean Paul, das Schachdorf Ströbeck im Harz bekannt. Auch dieses damals wie heute berühmte Schachdorf verwendet Jean Paul, um den Vater von Ernestine als einen durch und durch dem Schachspiel verfallenen Menschen zu beschreiben, da sogar seine Bediensteten aus diesem Dorf herkamen, nicht so sehr, um Diener zu haben, sondern vielmehr sah er in ihnen würdige Schachgegner ganz nach seiner Wahl:

"Das Wenigste ist, daß er alle seine Bediente aus dem Dorfe Strehpenik verschrieb, wo man durch das Schach so gut Steuerfreiheit gewinnt als ein Edelmann durch seinen sächsischen Landtag, damit er (obwol in andrem als katonischen Sinne), eben so viele Gegner als Diener hätte - [...]"

Ob der Dichter von diesem berühmten Dorf "Strehpenik" aus eigener Anschauung auf seinen Reisen, aus Erzählungen oder aus Zeitschriften der Zeit Kenntnis erhalten hatte, ist unbekannt.

III.1. Briefschach

Obristmeister von Knör, dieser Schachenthusiast, spielte auch mit Gegnern, die räumlich von ihm getrennt waren, und zwar mit einem Oberysselschem Edelmann aus Zwolle, "weil sie Schach auf 250 Meilen nicht mit Fingern sondern Federn zogen". Diese nach heutigen Begriffen gespielte Fernschachpartie kostete die beiden Spieler, Jean Paul übertreibt hier, indem er ironisch anmerkt, mehr als das Reisegeld, was sie wohl benötigt hätten, um sich direkt gegenüber zu sitzen. Aber nicht nur das, von Knör spielte auch Briefschach mit dem Schachautomaten, der, dem Text zufolge, in Leipzig in der Heustraße gestanden haben soll. Dem Schachspieler Jean Paul ist scheinbar auch der Zug des Automaten bekannt: "dieser rochiere", also der unter bestimmten Bedingungen erlaubte Wechsel von König und Turm (0-0, nach heute gebräuchlicher Notation). Es ist unwahrscheinlich, daß sich der Dichter hier an historische Fakten hält.

Der dem Dichter bekannte Johann Jakob Wilhelm Heinse (1746 - 1803), dieser schrieb u.a. "Ardinghello und die glücklichen Inseln", hat mit seinem Freund Friedrich Maximilian Klinger offensichtlich im Jahre 1777 Briefschach gespielt, was, vorsichtig formuliert, darauf hindeutet, daß das Briefschach einigen Literaten des 18. Jahrhunderts, u.a. Jean Paul, wohlbekannt gewesen sein muß.

Ein Freund des Briefschachs scheint Jean Paul im Gegensatz zu seiner literarischen Figur von Knör nicht gewesen zu sein. In einem Brief an Pfarrer Vogel in Rehau, geschrieben in Hof, 26. Juli 1783, erteilt er dem Pfarrer unmißverständlich eine Absage auf dessen Wunsch hin, mit ihm doch Schachzüge durch Briefe zu wechseln.

"Warum wolten wir, gleich gewissen holländischen Kaufleuten, durch Briefe Schach spielen und uns der Unbequemlichkeit aussezen, erst durch die Post erfaren zu können, wie der Gegenpart das neuliche Schach dem König ausparirt habe, da wir den Spas an Einem Tische vornemen können. - Freilich wird durch Briefe das Spielen erleichtert, aber auch verlängert."

Dieses sein Lieblingsspiel wünschte der Dichter, nach Walther Harich, nur mit einem persönlich anwesenden Partner zu spielen. Vielleicht fehlte es ihm aber auch an der Geduld zur Analyse einzelner Züge, die das Fernschachspiel (ein Antwortzug hat in der Regel drei Tage Zeit, die Postlaufzeiten nicht mitgerechnet) ermöglicht und fordert.

Über die Spielstärke Jean Pauls teilt W. Harich mit, daß

"er es auch später darin zu keiner besonderen Fertigkeit brachte".  

III.2. Schachcafes

Obristforstmeister von Knör möchte einen Schachspieler zum Schwieger-sohn, spielt Fernschach und darüber hinaus reist er, ausschließlich um Schach zu spielen, nach Paris. In das "Palais Royal" geht er wohl kaum, um sich dort ans Schachbrett zu setzen, in die "die Socíete du Sallon des Echecs" jedoch sogar, um als Sieger wieder herauszutreten. Allerdings bricht Jean Paul diese Situation sogleich wieder ironisch und läßt seinen Helden Prügel empfangen, weil er in einer "demokratischen Gasse" im Schlafe "gardez la Reine" - Beschützt die Königin (die Dame auf dem Schachbrett)! geschrieen hatte. Bedauernswerter von Knör! Selbst in diesen feinen Andeutungen zeigt sich der Aufklärer Jean Paul, formuliert eine nette Kritik gegen die Monarchie. Der "Salon" ist dem Verfasser nicht bekannt, allerdings das Café de la Régence in Paris, welches ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zum Treffpunkt der berühmtesten Schachspieler der Welt geworden war. Dort trafen sich und spielten Schach: Philidor, Napoleon Bonaparte, Benjamin Franklin, Rousseau, Robespierre sowie die Schachmeister der Zeit.

Aus den Zeitungen und Wochenschriften muß Jean Paul von den Ereignissen und Kämpfen an den Brettern im Café de la Régence erfahren haben. 

III.3. Philidor und Spielpraxis

Neben den bisher genannten Aspekten zeigt der 1. Sektor aus der "Unsichtbaren Loge" auch, daß Jean Paul den alle anderen Schachspieler überragenden Schachmeister und Opernkomponisten des 18. Jahr-hunderts kannte. Gemeint ist der Franzose François André Danican Philidor (1726-1795), nach dem noch heute eine besondere Vertei-digung benannt ist, die Philidor-Verteidigung. Jean Paul hat aller Wahrscheinlichkeit nach auch eine seiner schachtheoretischen Schriften gekannt, denn er läßt Ernestine "philidorisch" spielen, was darauf hindeutet, daß die "Gegenfüßlerin" des Rittmeisters sich besonders geschickt verteidigen konnte und in der Behandlung der Bauernführung dem Rittmeister überlegen war. Philidors Spielführung bevorzugte nicht waghalsige Kombinationen, sondern eher das Positionsspiel. Sein allen Schachspielern bekanntes Credo lautet: "Die Bauern sind die Seele des Spiels". Für die These, daß Jean Paul Philidors Schrift kannte, läßt sich ein Beleg aus seiner Herbst=Blumine, dort die "Bittschrift an den im Jahre 1809 uns alle regierenden Planeten Merkurius", anführen:

"Vielleicht endlich wollten mehre das wehrlose Geschlecht weniger in den ersten April schicken, als in dessen ganzen Germinal, sie wollten gutmüthig zeigen, daß es Besiegerinnen der Sieger gebe, und ließen daher - so wie Philidor; in allen seinen Schachspiel = Exempeln stets die weißen Figuren siegen läßt - gleichfalls die weißgekleideten, also die Weiber, über die dunkelfarbigen Männer triumphieren."

Dies ist zutreffend, die in der "L´analyze des échecs" abgedruckten Partien zeigen ausschließlich von Weiß gewonnene. Selbst für Philidors Credo ("Die Bauern sind die Seele des Spiels") findet sich ein Reflex in der Herbst=Blumine und macht deutlich, daß Jean Paul schachtheoretisches Wissen seiner Zeit besaß:

Nro. 2. Spring = Brief.:

"Befrag´ ich aber die Politiker, mit denen ich ausgehe, über den Ausgang, so sind die besten meiner Meinung, die ich nicht zu äußern wage, daß man eigentlich nichts zu antworten wisse. Unser Beweis ist - in so weit von kriegenden Monarchien d.h. Monarchen die Frage ist - das Schachspiel. Himmel, sagen wir, es werde immer so herrlich gespielt von zweien oder vieren, als man wolle, oder auch in solchem Grade erbärmlich, daß der Feind des Feindes schon am Abgrund = oder Schachbretrande wanke: so sei dennoch kein Philidor;, der am Tische stehe und beobachte, wie sein eignes Schach = Marschreglement und Zug = Gesetz ( Herv. vom Verf. ) erfüllt oder übertreten werde im Stande nur im geringsten vorauszusagen, wer von beiden gewinne[...]"

Möglicherweise lassen sich im Nachlaß oder in den Exzerptheften Jean Pauls konkretere Hinweise für seine schachtheoretischen Beschäftigungen finden. In zahlreichen Briefen, abgedruckt u.a in der historisch - kritischen Ausgabe Eduard Berends, bittet er zwar häufig darum, ihm bestimmte Bücher zuzusenden. Darunter ist aber nie ein Schachbuch, möglicherweise weil er sie selbst besessen hat.  

III.4 Schachfiguren sowie Fachbegriffe des Schachspiels

22 Spieler befinden sich auf einem Fußballfeld. 32 Figuren beginnen das Schachspiel. Eine Binsenweisheit! Nur, was haben 32 Schachfiguren mit dem Wetter zu tun? Die Aufklärung dieser Frage kann sogleich gegeben werden, weil Jean Paul im folgenden Zitat seine 16 goldenen Wetter-regeln und 16 Schachfiguren miteinander in Beziehung zu setzen versteht:

"Indeß halt´ ich es hier für meine Pflicht, allen Prophetenkindern, welche ich etwan in der Prophetenschule meiner sechzehn Wetterregeln erziehen dürfte, das Schwierige der Kunst, nämlich des Eintreffens, offen darzulegen, indem ich ihnen zeige, daß den sechzehn goldnen Regeln, gleichsam den sechzehn Schachfiguren;, sich, wie auf dem Schachbrete, eben so viele entgegen stellen, welche schlagen."

Ähnliche Schwierigkeiten hat auch heute noch, trotz zahlreicher Satelliten und anderer Hochtechnologie, jede Form der Wettervorher (nach)sage.

Ein weiteres, amüsierendes Beispiel läßt sich aus dem "Leben Fibel´s, des Verfassers der Bienrodischen Fibel" erzählen, wobei man den Titel dieser Erzählung durchaus wörtlich verstehen kann. Im Dorfe, in dem Fibel lebt, geht das Gerücht um, daß der Student eine neue Fibel, ein Abc-Buch, für die Dorfkinder, "auch die ausländischen", geschrieben habe.

"Der junge Autor - froh, schon Geld noch unter der Regierung des letzten Halbsouveräns erschrieben zu haben, trug seine Abcfiguren, womit er wie mit Schachfiguren;, König und Königin, sich und Mutter decken wollte, in die Buchdruckerei der Stadt, und zeigte dem Druckerherrn sein Papier vor, und fragte sanft an: wie viel bekommt man dafür?"

Leider muß der arme Fibel dann erfahren, daß nicht er Geld für das zu druckende Abc-Buch bekommt, sondern zunächst die Druckerei, er und seine Mutter ("König und Königin") ganz sicherlich nicht von den Einnahmen des Buches werden leben ("sich und Mutter decken wollte") können. Unter großem Gelächter der Gesellen und des Meisters der Druckerei wird so Fibel "das Wesen der Buchhändler aus einandergesetzt".

Die Reichhaltigkeit des künstlerischen Ausdruckes und seine Bestimmung durch eine vielfältige Formensprache läßt sich durch die Jahrhunderte auch am Beispiel der Gestaltung von Schach-Spielfiguren nachweisen. Das folgende Zitat aus der "Levana oder Erziehlehre" zeigt, wenn auch noch so rudimentär, Kenntisse zur Geschichte der Schachfiguren und darüber hinaus einen fast modern zu nennenden Erziehungstheoretiker Jean Paul:

Paragraph 49.

"Wie der Roche im Schach; bei den verschiedenen Völkern bald ein Kameel war, bald ein Elephant - eine Krähe - ein Kahn - ein Thurm: so spielt vor den Kindern Ein Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen, wie den Juden das Manna, gerade so, wie sie es jedesmal begehren."

Der "Roche" in dem Zitat ist eine alte Bezeichnung für den Turm. Denkt man an die Fülle in heutigen Kinderzimmern, an die Berge von Spielzeug jedweder Art, so läßt sich mit Jean Paul sagen, daß weniger häufig mehr ist. 

III.4.1. Die Bauernumwandlung

Schachspieler verstehen darunter die Umwandlung eines Bauern in eine beliebige Figur (Dame, Turm, Läufer, Springer), falls dieser auf die gegnerische Grundreihe gelangt ist. Die Symbolkraft dieses Spielzuges nutzt Jean Paul verschiedentlich. Im "Hesperus, oder 45 Hundposttage. Eine Lebensbeschreibung", abends um 6 Uhr in Maienthal", fragt sich der Ich-Erzähler, womit das Buch noch enden werde, ob mit Freude oder mit Trauer. D. Fenk lacht den Erzähler aus und formuliert unter Bezug auf den Schachbegriff:

"[...] ich bekäme erst am Ende eines Buchs und der ganzen Komödie den rechten Titel, wie man den Journalen den Haupttitel erst im letzten Heft beidruckt - oder ich avanciere gleich einem Schachbauern;, erst auf dem letzten Felde zu einem Offizier."

Lenette, Ehefrau des Armenadvokaten Siebenkäs, bereitet an einem Sonntag das Mittagessen und ihr wird von Sabel dabei geholfen. Dies ist dem Hausherrn recht, aber nicht Lenette:

"Schon vor dem ersten Kirchengeläute war die alte Sabel da. Der Kronschatz des Schießkönigs vertrug es ganz wol, sie als Erbküchenmeisterin neben der Königin Lenette für einige Kreuzer und einige Nebenteller anzustellen. Der Königin selber kam jene überflüßig und wie eine Neben= oder zweite Königin vor - und im Schachbret bekommt wirklich Ein König zwei Königinnen, wenn man eine Bauernfigur in die Dame bringt und er die erste Königin noch hat, was dasselbe ist, wenn es unter einem wahren Thronhimmel geschieht; - denn Lenette hätte [...], am liebsten ganz allein gewaschen, gekocht und aufgesetzt."

Die Macht mehrerer Königinnen auf dem Schachbrett wird hier in eine Konkurrenz der beiden Frauen verkehrt. Währenddessen streift Siebenkäs durch die Natur, sich auf einen reich gedeckten Mittagstisch freuend.

Zu diesem besonderen Zug im Schachspiel und seiner dichterischen Einbindung in das literarische Werks Jean Pauls läßt sich ein drittes Beispiel in den "sämmtlichen Werken" finden, das in seinem schachlichen Kern die Regel des Spiels richtig wiedergibt. Im "77. Zykel" des "Titan" dient die Möglichkeit der Umwandlung eines Bauern im Schachspiel dazu, die fürstliche Allmacht zu demonstrieren:

"Ich hab´ es schon im ersten Band des Titans sehr deutlich gesagt, daß der fürstliche Bräutigam, der heute die Decke beschlägt, blos ein Landes=Vater sein kann, keiner für das Haus; unter seinem Fürstenhimmel ist wie auf der ersten Schachfelder=Gasse; Alles zu machen und zu regenerieren, Offiziere, selber die Schachkönigin, aber der Schach nicht."

So wird mit Hilfe dieser Schach-Metapher auch auf die Grenzen eines absoluten Herrschers verwiesen. 

III.4.2 Der Rösselsprung oder der Springer

Das Pferd, der Springer (im Engl. knight=Ritter) oder das Rössel, ist die einzige Figur - in der Regel dargestellt durch einen Pferdekopf - im Schachspiel, die über andere in der Form eines L (ein Feld gerade, dann eines schräg) in alle Richtungen hinweg springen kann. Jeder Spieler besitzt davon zwei. Die Behandlung dieser Figur im Spiel erfordert ein besonderes Geschick, da ihre Gewalt sich u.a. in der gleichzeitigen Bedrohung von König, Dame und Turm (dem Familienschach) zeigen kann. Diese eigenartige Bewegung vergleicht Jean Paul mit dem Huschen von Mäusen, die den Schlaf Viktors, dem Helden des Hesperus, nicht stören sollen:

"Selber der Kaplan [Völkel?, d. Verf.] suchte ihm [Viktor/Jean Paul?, d. Verf.], wenn nicht die letzten Tage,die er bei ihm verträumte, süß zu machen, doch die letzten Nächte,wozu nichts nöthig war als eine Trommel und ein Fuß. [...] Gegen den Eulerschen Rösselsprung; der Ratten zog er nur mit einem Schlägel zu Felde, womit er, wie ein jüngster Tag in ihre Lust- und Jagdpartieen einbrechend, blos ein oder zweimal auf eine ans Betttuch gestellte Trommel puffte."

Die Kraft der verschiedenen Schachfiguren, ihre Beweglichkeit [offenbar scheint der Schachspieler Jean Paul das Spiel mit den Läufern dem mit den Springern den Vorzug geben zu wollen], offene und geschlossene Linien, dies alles sind dem Schachspieler geläufige Begriffe im Kampf um das Matt gegen den gegnerischen König. Anzunehmen ist, dass auch Jean Paul diese Begrifflichkeiten kannte, zumal er den "Liebeskampf", sanfter formuliert das Werben der Geschlechter umeinander, hier Vulten und Wina in den "Flegeljahren", Bewegung, Schlittschuhlaufen und Schachfiguren im sprachlichen Bild wunderbar zu vereinen weiß:

"Aber welche entwickelnde Lebenskraft war mit Vulten aufs Eis gefahren, und wie schwebte der Geist über dem Wasser, das gefroren war! - Zuerst bald Wina´s Bart=, bald ihr Wandelstern, bald ihre gerade schießende Sternschnuppe zu sein, damit fing er an - sie Schachkönigin; zu decken gegen jede Königin, es sei als Läufer, als Springer oder Thurm - als Amors Pfeil zu fliegen, so oft sie Amors Bogen war - es nicht zu leiden, wenn sie kühner fliegen wollte als er, sondern sie so lange zu überbieten, bis er selber überboten wurde und dann leichter den Wettflug mit einem Doppelsiege schloß[...]"

Und im "Siebenkäs" kommt der gleichnamige Held stolz nach Hause, um seiner Lenette den Preis ("den Vorlegelöffel und die Zuckerzange") eines gelungenen Schusses während eines Schützenfestes zu präsentieren.

"Lenette, von der er wenigstens erwartet hätte, sie würde in den ersten fünf Sekunden die fünf Tanzpositionen in einem Hausballe durchmachen, und Eulers Rösselsprung; dazu auf dem Schachbrette der Stube, Lenette that was sie konnte - nämlich gar nichts [...]"

Siebenkäs erwartete Freudensprünge und wurde durch seine Frau bitterlich enttäuscht. Und voller Ironie fährt Jean Paul fort zu fragen:

"- Woher habt ihr, liebe Weiber, die Unart her, daß ihr gerade, wenn der Eheherr gute Nachrichten oder Geschenke bringt, einen unausstehlichen Kaltsinn gegen seine Fracht auskramt [...]?"

Sehr plastisch und schlichtweg zum Schmunzeln wird der Gang des "Aktuarius" (Gerichtschreibers) Schnätzler im "1. Appendix von Jean Paul´s biographische Belustigungen unter der Gehirnschaale einer Riesin" beschrieben, wobei ihm zur Charakterisierung der Figur nicht nur die merkwürdige Bewegung des Springers als Ausdrucksmittel dient, sondern das Krabbeln von Käfern, das wilde Zappeln, wenn sie auf dem Rücken liegen, muß hinzukommen, damit Schnätzler angemessen vor dem Auge des Lesers erscheinen kann:

"- Aus einem Räderwerk von Räderthieren und aus einem Teig von vibrierenden krabbelnden Infusion = Thierchen war er zubereitet; er schnellte sich wie ein Käfer weiter und schien ein auf die zwei letzten Füße gestellter Vielfuß zu sein, an dem im Gehen hundert müßige wagrechte Füße zappelten; er hatte auf der Stubendiele den Gang des Springers im Schach;, und jeder Sessel war sein Reitstuhl und Schaukelpferd [...]. Mit einem Euler´schen Rösselsprung war er über das Stubenschachbret hinüber und sagte am Fenster: ,,Ja, ja, sie schlagen dem bösen Menschen die Pflaster noch über;"

[...] ´Das muß morgen scharf untersucht werden´, sagte der Stadtrichter freudig." 

III.4.3 Die Rochade und andere Begriffe..;

Woher bekommt Jean Paul die Namen für das Personal seiner Satiren und Romane? Im "Titan" im "9. Zykel" gibt er seine satirische Antwort:

"Aus den Namen ist bei mir nichts zu schließen [...]. Bin ich z. B. nicht oft Abends, während dem Rochieren und Brikolieren; der deutschen Heere, [...] in den Zeltgassen mit der Schreibtafel in der Hand auf= und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen, die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden, so wie sie fielen aufgefangen und eingetragen [...]"

Vergleicht er zunächst hier die Bewegungen der Heere mit der Rochade (0-0) im Schachspiel, bei der König und Turm ihre Stellung vertauschen, so werden in Form einer weiteren Rochade, des Wechsels vom Totenreich in das literarische Reich, die toten Soldaten quasi wieder belebt "und mancher Gemeine stieg zum tafel= und turnierfähigen Edelmann auf".

Scharf kritisiert er in einer weiteren Textstelle die deutsche Kultur und den deutschen Geist, dessen Starrheit und Unbeweglichkeit. Er wäre nicht der Schachspieler und Satiriker Jean Paul, wenn er nicht als Therapie eine entschiedene Bewegung, eine Veränderung vorschlagen würde:

"[...] so werden von Jugend auf unserem innern Menschen alle Glieder zusammengenäht [...] Aber, Himmel, welche Spiele könnten wir gewinnen, wenn wir mit unsern einsiedlerischen Ideen rochieren; könnten!"

Aus der Vorschule der Aesthetik ist diese Forderung entnommen.

Weitere Begriffe aus der Sprache des Schachspiels finden ihre Verwendung im "Titan" in der Schilderung des Verhältnisses der Fürstin zu Albano, denen der Minister "als ihr Oberältester vorzuspringen" hatte. Letzteren charakterisiert er als einen, der das Verführungs-(Schach)spiel der Fürstin verloren hat.

"Es fächelte nichts als die Blechkästen, die ihm zu Hause die Regierung= und Kammerboten hinsetzten, den schachpatten Mann; wieder frisch und kühl, der ein schachmatter werden wollte." 

IV. Philosophie

Auch auf diesem Gebiet tat, Jean Paul zufolge, Bewegung und Veränderung not. Für sich, als Schreibendem, sah er durchaus eine positive Auswirkung seiner Beschäftigung mit der Philosophie.

           "aber Dichter und alle wirken nicht so als die Philosophen, die - wenigstens bei mir - den Ideen=Wellen (Herv.d.Verf.) eine lang anhaltende Richtung geben; ausser den Philosophien weis ich kein so gutes Treibmittel des Gehirns als höchstens Kaffee und Schach."

Die konkreten Begriffe des Schachspiels wie Figuren, Spieler und vor allem die Kombination der Züge und der Kombinationsfähigkeit des Spielers zum Zwecke des Erfolges werden metaphorisch angewandt auf das Ziel seiner Kritik, Johann Gottlieb Fichte, wie er in einem Brief an Friedrich Heinrich Jacobi mitteilt:

"Deinen Fichtischen Brief hast du mir höchst wahrscheinlich nur geliehen; [...] Aber Heinrich, warum stössest du nicht öffentlich dieses tranßzendente Schachspiel - wozu er sich die Figuren und Spieler ausbittet, nur die Kombinazion nicht - um, da du mir keinen Man in Deutschland nennen kanst, der nur dein nuntius a et de latere sein könte, keinen?"

Seinen Briefpartner tröstet er dann mit den Worten:

"Die Folgen Deiner Werke werden Dir schöner folgen und jetzt sind geistige Märtyrer nöthiger, wie sonst körperliche."

Der schachliche Fachbegriff der Rochade läßt sich in einem ähnlichen metaphorischen Zusammenhang noch einmal finden, in "Clavis Fichtiana".

Im Kapitel "Protektorium für den Herausgeber" möchte Jean Paul sich von jedem Verdacht reinwaschen, daß er mit der "Edizion des Clavis den Fichtianismus mehr begünstigen wollte, als ein Philosoph meiner Gattung darf." Und er fährt dann unter Verwendung der Rochade als Metapher fort:

"Gleichwol erquickte es mich, daß mein Leihgeber, da er einmal ein Fichtianer ist, es im vollsten freisten Grade ist; wer kann und will, kann sich davon überzeugen, es sei daß er den Clavis mit den Zitaten aus Fichte zusammenhalte oder kürzer mit Jacobis Darstellung des Spinozismus - aus welcher durch ein kleines Rochieren; und Versetzen des ens reale der Theil der Wissenschaftlehre zu entwickeln ist, in den die praktische Vernunft noch nicht mitspinnt und eingesponnen wird - oder leichter mit Reebs Abriß der Ichs-Lehre."

Wie jeder Schriftsteller und Philosoph ist auch Jean Paul an der Verbreitung seiner Ideen und Schriften sehr interessiert. Er möchte den Idealismus Fichtes rochieren, umbrechen, neu schreiben und erhofft sich dann die folgende Verbreitung seiner "Wissenschaftslehre", bei der selbst der Schachautomat des Baron von Kempelen mitwirken soll:

"Ich gedenke aber noch die Zeit zu erleben, daß meine Fichtische Wissenschaftslehre von Nachtwächtern (statt der historischen Epochen, die man ihnen abzusingen angerathen) vorgetragen wird - und in Kalendern für den gemeinen Mann - in Spaßpredigten am Ostersonntag, die noch in Spanien existieren - in Speisepredigten in Refektorien - in gut dazu eingerichteten Komödien - und sogar von Kempele´s hölzernen Schach=Türken;, der mit seinem Stäbchen geschickt auf die dazu erforderlichen Lettern weisen mag."

V. Schachpsychologie

In einem wichtigen Schachkampf gehört die Wahl der Eröffnung des Spiels und vieles mehr zur psychologischen Vorbereitung auf den Wettbewerb. Ernestine aus der "Unsichtbaren Loge" spielt "philidorisch", sicher keine psychologisch begründete Eröffnungswahl und Spiel-strategie im Hinblick auf ihren Schachgegner. Hinter ihr steht "der Vater allemal als Marqueur dabei", daß er die Partie notierte, ist eher unwahr-scheinlich, aber sicherlich als Mitspieler, angespannter als die am Brett sitzende Tochter, der er die besten Züge am liebsten sagen würde, um mit ihr zu gewinnen. Dies, obwohl Ernestine "sehr gut"spielt.

Erstaunlich ist an dieser Schachstelle die Tatsache, daß Jean Paul eine Frau nicht nur gut, sondern eben "sehr gut" spielen läßt.

Der Schachsport gilt als eine Domäne der Männer, wobei noch offen ist, woran das liegen mag. Von dem derzeitig weltbesten Schachspieler, Gary Kasparow, sind abfällige und abwertende Bemerkungen über die Qualität des Spiels von Frauen bekannt. Tatsache ist zur Zeit auch noch, daß es keiner Frau bisher wirklich gelungen ist, in die absolute Weltspitze vorzudringen oder dort auf Dauer mitspielen zu können. Welche Persönlichkeitsmerkmale und gesellschaftlichen Bedingungen eine Rolle für das unterschiedliche Spielniveau von Frauen und Männern und welche Bedeutung sie spielen, ist in der psychologischen Forschung noch nicht abschließend geklärt. Ernestine kann selbstverständlich nicht Schachspielerin oder Turnierspielerin - im heutigen Sinne - sein, da dies der historischen Situation der Frau im 18. Jahrhundert nicht entspricht. Ihr Spiel und die angewandte List dienen ja letztlich dem Zweck, sich den Rittmeister zum Ehemann zu erspielen. Insofern bleibt sie einem traditionellem Rollenverständnis verhaftet:

"Weiches Gefühl, mit männlicher Erhebung und Einsicht versetzt, solche sich wechselnd vorkehrende Doppelseiten, bieten jeder Frau ein doppeltes Schach, und sind der Liebe eben so behülflich, als der Ehe - ungesund."

Im doppelten Sinn, modern wohl als Rollenkonflikt zu nennen, formuliert dies Jean Paul

"Die Weiber spielen ohnehin dieses Königspiel; (wie andere Königspiele) recht gut..."

Ernestine ist schachlich dem Rittmeister haushoch überlegen, als Frau aber gefühlsbetont insofern, da sie von Falkenberg nicht einfach nur besiegt, sondern ihre Liebe, ihren Ehewunsch oder das Spiel um den "männlichen König" lebenswichtiger nimmt.

Lernpsychologisch offen und weitgehend ungeklärt scheinen mir auch noch die Bemerkungen Jean Pauls zu sein, daß

"ein guter Mathematiker [...] ein guter Schachspieler (ist), also dieser jener"

oder in der "Levana oder Erziehlehre" heißt es:

Siebentes Bruchstück. Kapitel I. Paragraph 135

" Was der Papst Sixtus V. roh aussprach: Zahlenlehre sei am Ende auch Eseln beizubringen; - und die bekannte Beobachtung in der französischen Enzyklopädie, daß einige Blödsinnige gut Schach spielen gelernt - da das Schachspiel eine mathematische Kombinazion ist, und das Schachbrett zum Probiertiegel oder Kredenztisch mathematischer Kräfte dienen könnte."

Auch die häufig behaupteten Transferleistungen, wie z. B. daß das Schachspiel die Denkfähigkeit schule, die Kreativität, Konzentration und das logische Denken eines jeden Spielers fördere, sind in der Lernpsychologie schwer nachzuweisen und zu beweisen.

Solche Transferleistungen kennt Jean Paul auch, allerdings behauptet er diese vorsichtig und zeitgemäßer zwischen dem Schachspiel, dort also die Figuren gut zu setzen, und der Kunst, Heere zu führen sowie im modernen Sinn einer Spieltheorie, die durch das Spiel des Kindes Lern-leistungen anstrebt:

Paragraph 53 der Levana

"Wie das Schachbret; Krieg- und Regierunterricht auftischen soll: so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntnis=Baum."

Der Obristmeister ist ein Kiebitz durch und durch. Wie in anderen Sportarten ist hier auch zu beobachten, daß die Zuschauer, in diesem Fall von Knör, die richtigeren und besseren Erkenntnisse zum Spiel oder zum Rennen zu haben scheinen, als die eigentlich agierenden.

Der Obristmeister ist wirklich dem Schachspiel verfallen, er wirkt in der Beschreibung Jean Pauls im negativen Sinne fanatisch. 

VI. Poetik -/ Metaphern -/ Literatur -/ und Schach

In seinem satirischen Frühwerk "Grönländische Prozesse oder satirische Skizzen" (von 1783) greift er die Schriftsteller an, die nur "zwei Arten" der Zeichnung von Charakteren kennen, Gute und Böse, so wie im Damespiel lediglich zweierlei Steine vorhanden sind - schwarze und weiße. Diese mit den Farben des "Damebrete(s)" kritisierte Zweiteilung der Charaktere nennt er ironisch die "Mannigfaltigkeit", zu der "unsere Dichter" imstande seien. Darüber hinaus würden viele Schriftsteller den Einfluß des Standesunterschiedes auf die Gefühlswelt der Bedienten und Herren negieren, alles in die "Liverei der Traurigkeit" auflösen, um dann die Kritik in einem Vergleich zu beenden:

"Das Schachspiel der Isländer hat so statt der Läufer; Bischöfe."

Jean Paul beharrt hier auf dem vorhandenen Standesunterschied in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts als den die Charaktere prägenden, spricht sich gegen die Umbenennung des ehemaligen Elefanten - pers.-arab. al-fil, lat. alphiles, frz. aufin, engl. bishop, dt. früher der Alte, heute der Läufer - des Schachspiels in den Bischof (im Englischen auch heute noch bishop genannt) aus. Er wünscht, daß "das Papier mit goldenen Waffen ausgerüstet" bleibt und "in Briefen können nicht nur Kaufleute die Heere ihres Schachbretes [...] anführen" , er möchte sich seine - und verlangt dies von den Schriftstellern seiner Zeit - kritisch-aufklärerische Kompetenz bewahren.

Der Streit um Ideen und mit Ideen, "das Disputieren", kommt ihm wie das Gegeneinandersetzen von Schachfiguren im Schachspiel vor. So schreibt er in einem Brief an den Pfarrer Vogel in Rehau kämpferisch und zugleich versöhnlich, denn offensichtlich sind die "Ideen" bekannt, über die man sich "entzweien" konnte oder gekonnt hat, jedoch danach muß der Streit um und mit Ideen, wie nach seiner Meinung jeder Schach-kampf, versöhnlich bei einem Bier, hier "das bittre Lagerbier" ausklingen:

"Hochzuvererender Her Pfarrer,

[...] Sie erschrekten mich mit einem so lauten `Schach dem König!´ daß ich über das Spiel den Spieler vergas und nichts zu verhüten suchte als die Enttronung meines Königs. Da übrigens das Disputieren in sovielen Stükken mit dem Schachspielen übereinkomt: indem man dort Ideen auf Papier, und da hölzerne Figuren auf dem Bret gegeneinander zu Felde stelt; so hoffe ich, daß die beiden Sachen auch darinnen einander ähnlich bleiben werden, daß sie die Entzweiung der Spieler nicht über die Dauer der Veranlassung verlängern. Die besten Freunde zanken sich beim Spiel; allein sobald die Spieler das Schachbret - den campus martius - zur Aufbewarung der versönten Krieger zugeschlossen, so schliessen sie ihre Herzen auf und trinken in freundschaftlicher Gesprächigkeit das bittre Lagerbier mit der Aufmerksamkeit, der sie vorher nur das Spiel gewürdigt." 

In einer Diskussion, einem Streit- oder einem Sachgespräch, kann als Mittel der Rede und des Überzeugens auch die Wiederholung des Gesagten dienen, ähnlich im Schachspiel, in dem es die Möglichkeit der Zugwiederholung gibt. Im "Titan" erzählt Albano Schoppe "den Ablauf der Portrait-Geschichte bei der Gräfin":

"Sie faßte nichts, fragte nichts und ich sollte nicht klingeln. Ich bekannte ihr, daß ich mich genöthigt sähe, mit der rhetorischen Schach=Figur; mich zu decken, die man allgemein die Wiederholung zur Erzählung nennte; und griff zur Figur".

Ihm ist das rhetorische Mittel der Wiederholung wie eine Schachfigur, die bewegt und eingesetzt wird zu einem bestimmten Zweck.

Auch der Gebrauch verschiedener Satzzeichen durch Jean Paul weist ihm Ähnlichkeiten zum Schachspiel auf. Satzzeichen wie das Ausrufezeichen, das Fragezeichen oder die Gedankenstriche, von denen sich in seinen Texten sehr viele an verschiedenen Stellen seines Satzbaues finden lassen, haben einschneidende Bedeutung, wie das Schachgebot im Spiel selbst. Der Spieler/Leser muß reagieren, entweder verteidigt er sich, trotz der die Aussage bestimmenden, als wahr erklärende Zeichen oder er zeigt Einverständnis, er ist matt, seine kritische Distanz, sein Widerstand ist aufgehoben:

"Will man die Ironie noch stechender zuschleifen, und treffender aufstellen zu einem Rikochetschusse: so setzt man die zweischneidigen Frage= oder Ausrufungzeichen und Gedankenstriche bei und gibt durch deren Verdoppelung doppelt Schach."

Wie eine Erzählung zu beginnen ist, gehört des weiteren zu den poetologischen Überlegungen Jean Pauls: nämlich stürmisch, um zum Schlusse hin sie ruhig ausklingen zu lassen. Auch hier greift er auf die besondere Zugart des Springers zurück, die ihm Metapher für eine Exposition des Spiels wie auch des Erzählens ist. So im Vorwort des "Komet":

"Es ist indeß in jedem historischen Buche nicht anders, von der jüdischen Geschichte an bis zum Romane, wo anfangs Sprünge Wunder thun und erst später Schritte gut lassen, so daß man in der Geschichte zum Erzählen, wie im Schach zum Spielen, im Anfange mit dem größern Vortheile den Springer; und die Königin gebraucht, und erst gegen das Ende desselben nur Schritt vor Schritt vermittelst der Bauern zieht."

Folgerichtig und konsequent beschreibt er auch die Charakterisierung seiner literarischen Figuren unter Bezug auf das Schachspiel. Er bezieht diese Feststellung in seiner "Levana" zunächst zwar nur auf die Kinder als Leser, aber aus dem Schlußsatz des Zitates ist zu erkennen, daß der Dichter auch die Dichtung allgemein meint, - er kritisiert die Überladung von Erzählungen mit Moralitäten als "eine abmattende Sucht":

"Daher sargt nicht jedes Wesen, das ihr auftreten laßt, in eine Kanzel ein, aus welcher dasselbe die Kinder anpredigt, eine abmattende Sucht nach Moralien, mit welchen die meisten gedruckten Kindergeschichten anstecken und plagen, und wodurch sie gerade auf dem Wege nach dem Höchsten dieses verfehlen, wie etwa Karl XII. von Schweden sein Schachspiel; verlor, weil er immer mit dem - König ausrückte. Jede Erzählung, so wie gute Dichtung, umgibt sich von selber mit Lehren."

In dem Bestreben nach dem "Höchsten", im Schachspiel dem Matt des Königs, darf eben nicht von Beginn an mit der wichtigsten Figur, dem König, gezogen werden, so wie in den Erzählungen die Moral nicht auf dem "Silbertablett" präsentiert werden sollte oder in jeder Zeile. Solche literarischen "Wesen" gelten ihm als eingesargt, als leblos, verfehlen mithin jede literarische und moralische Wirkung. Seine poetologische Verschlüsselung oder Einkleidung von Ideen und moralischen Grund-sätzen, durch die Wirkung auf den Leser erzielt werden soll, begründet er auch in seinem "Gesammelten Werkchen", dort in den "Ursachen, warum der Verfasser nichts für das Taschenbuch auf 1803 liefert. Ein Brief" an Cotta:

"Ich verknüpfte deßhalb mehr gegründet und fing für Ihr dießjähriges Taschenbuch neue Aufsätze an, worin ich die abgebrochenen Gedanken einkleidete in Alles - z. B. in einen Hirtenbrief an Schäferinnen und Schafe - in Antworten der Kempelischen Schachmaschine; mit ihrem Stabe - in ein Testament für meine Stieftochter - in ein Kodizill für solche Töchter, die ich enterbe, um Sätze einzukleiden [...] - in Neujahrwünsche [...] - ja in Auszüge aus meinen Briefen."

Jean Paul entschuldigt sich gegenüber Cotta, nichts Literarisches für das Taschenbuch liefern zu können, unter Verweis auf das Format (gängiges Format der Taschenbücher ist 12°, er hingegen möchte Quartbände, da man ja nicht wisse, wie groß künftig die Taschen seien) derselben. Das Duodez-Format verlange Kürze und diese wiederum widerspreche der Forderung des Lesers:

"Aber auch für diese fodert der Mensch, der lieset und schreibt, seine Einkleidung.

Im Hinblick auf den Leser gilt es, so in "Regeln und Winke für Romanschreiber" aus der "Vorschule der Aesthetik", die innere Motivation der Romanfiguren nicht zu verbergen und nicht an das Ende der Erzählungen zu verlegen:

"Halb ist´s schon im Vorigen angedeutet, daß der Wille (als die poetische Nothwendigkeit) nicht früh genug erscheinen kann, hingegen die Körperwelt auch spät und überall; daß aber jener den Schachthürmen; und Bauern gleicht, welche im Anfange des Spiels wenig, aber am Ende desto mehr entscheiden; hingegen diese den Springern und Königinnen, welche nur anfangs durchschneiden und überspringen, aber am Ende wenig mehr durchsetzen."

Auch hier erfolgt der metaphorische Rückgriff auf das Schachspiel, in dem die Kraft der Türme, so sie offene Linien besitzen und Stärke im Endspiel, der "poetischen Nothwendigkeit" gleichen. Orte der Handlungen, die Körperwelt, die äußere Welt, aber können überall den Leser einfangen und für ihn beschrieben werden.

Die äußere Welt, seine gesellschaftliche Realität, ist die des ausgehenden 18. Jahrhunderts, in der der Staatsherr

"[...] lebendige Unterthanen auf dem Schachbrete seines Territoriums ruhig hin und wieder stellt und zieht [...]"

Die hölzernen Figuren dieses großen Schachspiels sind hier "lebendig", das Schachspiel Symbol des Lebens, Miniatur der großen Politik. Aus der Ferne betrachtet ist diese Realität, sind Städte oder "Freistaatlein" schön und malerisch anzusehen, jedoch aus der Nähe zeigt sich dem Poeten eine andere Wirklichkeit:

"Es begegnete mir schon in andern biographischen Städten und so in dieser, daß ich in der Ferne noch auf den Schachfeldern ihrer Dächer die poetische Illuminazion leuchten sah, die nachher, wenn ich durchs Tor bin, Lampe nach Lampe erlischt [...]"

"Gezogen" werden die Untertanen jedoch nicht nur allein durch die Landesherren, sondern auch, indem manche in inhumaner Weise scheinbar mit Wissenschaft und den Menschen sich beschäftigen, die Seele der Lebendigen also vergessen. Auch dies ein Zitat mit aktueller Bedeutung:

"Jedes Wort war eine Wahrheit, aber die Tochter, voll kindlicher und jeder Liebe, kam freilich nicht dahinter, daß ihm eigentlich die Wissenschaft, nicht der Kranke höher stand als Geld, und daß er mit einer gewaltigen Gegnerin von kranker Natur am liebsten das medizinische Schach; spielte, weil aus der größern Verwicklung die größere Lehrbeute zu holen war[...]"

Theoda, die ihren Vater, Dr. Katzenberger, liebt, erkennt in Wahrheit nicht, was diesen bestimmt. Dr. Katzenberger könnte wohl auch mit der folgenden Beschreibung gemeint sein:

"Stets unschuldig weiß, wie ein Hahnenkamm im Winter, steigen die Gelehrten auf ihren Schreibtisch, der ein Krieg=Schachbrett; mit rhetorischen Figuren ist, nie selber mit ihrer eignen."

Jean Pauls Dichtung selbst, seine durch das Schachspiel und dessen Metaphorik geprägte Sprache, seine poetologischen Bestimmungen wie zum Beispiel die nach Verkleidung, dies läßt sich nach den obigen Darlegungen und Untersuchungen seiner Sprache sagen, ist ihm wie das Schachspiel.

"Ihr guten Leser, die ihr vom unbekannten einschlafenden Menschen doch den fortsprechenden Autor erbet, schauet leicht meinem kleinen Schachspiele mit mir selber zu bis zum Umlegen der letzten Figur."

Ihm ist Dichtung wie ein Spiel und doch Ernst zugleich:

"Das Spielen der Poesie kann ihr und uns nur Werkzeug, niemals Endzweck seyn. [...] Jedes Spiel ist eine Nachahmung des Ernstes, jedes Träumen setzt nicht nur ein vergangenes Wachen, auch ein künftiges voraus. Der Grund wie der Zweck eines Spiels ist keines; um Ernst, nicht um Spiel wird gespielt. Jedes Spiel ist blos die sanfte Dämmerung, die von einem überwundenen Ernst zu seinem höhern führt." 

VII. Politik auf dem "Schachbrett" der Wirklichkeit

Alle Politik behauptet von sich, daß sie die Wirklichkeit, sei es die innere oder die zwischenstaatliche, formen oder gestalten möchte, häufig mit dem Zusatz, ausschließlich zum Wohle des Volkes. Auch Dichter wollen und können die Wirklichkeit nicht verleugnen und für Jean Paul ist Wirklichkeit eben eine sprachlich besonders ‘gestaltete’:

"Das Feld der Wirklichkeit ist eben ein in Felder geschachtes Brett;, auf welchem der Autor so gut die gemeine polnische Dame, als das königliche Schachspiel, sobald er in einem Falle nur Steine, und im andern Figuren und Kunst besitzt, spielen kann."

Starr und festgelegt scheinen die Räume der verschiedenen sozialen Gruppen, klar begrenzt und unveränderlich die Ein- und Mitwirkungs-möglichkeiten ähnlich der Rolle und den Zugmöglichkeiten der Figuren auf dem Schachbrett. Der Ständestaat, die deutsche Kleinstaaterei, ist noch nicht durch die bürgerliche Emanzipationsbewegung, durch die aufkommende industrielle Produktionsweise zur Veränderung gezwungen.

Fürsten der Kleinstaaten, Herzöge und Kurfürsten, die Mächtigen, über deren Erziehung Jean Paul in einem Brief vom Oktober 1805 an den Prinzenhofmeister und Hofrath Adelhard diskutiert, Bürger, Bauern und Handwerker, die mehr oder weniger ‘gezogenen’ auf dem Brett der Wirklichkeit, sie alle finden ihre Entsprechungen in den Figuren des Schachbrettes, dessen Felder bestimmt und festgelegt sind, schwarz und weiß, Freiheit und Unfreiheit, wie es in dem Zitat heißt:

"Der Staat ist in Rücksicht der Quadratmeilen nicht näher bestimmt, wo Freiheit und Gleichheit auf schöne Weise geschieden sind, und völlige Gleichheit nur außerhalb des Hofs, und wahre Freiheit nur an diesem herrscht, so daß das Land ein Schachbret; ist, auf welchem man mit Steinen, oder Dame (nicht mit Figuren) spielt, und wo folglich alle Steine auf allen Stellen einerlei Werth haben, die ausgenommen, welche in die Dame kommen, d.h. an den Hof."

Dennoch, das Schachbrett und seine Regularien sind nicht einfach der Erde mit ihren Gesetzen gleichzusetzen:

"Auf dem Schachbret; deckt die Königin den König, auf der Erde der König die Königin und es ist hier ein solches Widerspiel jenes Spiels, daß man oft den König hinausschlägt, um seine Frau matt zu machen."

Im Siebenjährigen Krieg, auch der Dritte Schlesische Krieg genannt, verbündete sich Rußland mit Österreich und Frankreich, während England Preußen stärkte. Preußen sicherte sich seine europäische Großmacht-stellung, Frankreich mußte sein nordamerikanisches Kolonialreich abtreten. In der "Herbst=Blumine" geht Jean Paul auf diesen kriegerischen Konflikt des 18. Jahrhunderts kommentierend und auf die Schach-metaphorik zurückgreifend ein:

"Aber worin steht dieß in Verbindung mit den Politicis, wonach Sie fragen? daß der Seebär und der Landbär einander den Krieg mündlich, dann schriftlich erklärt haben, dann thätlich, darüber ist man hier allgemein eins. Befrag´ ich aber die Politiker, mit denen ich ausgehe, über den Ausgang, so sind die besten meiner Meinung, die ich nicht zu äußern wage, daß man eigentlich nichts zu antworten wisse. Unser Beweis ist - in so weit von kriegenden Monarchien d.h. Monarchen die Frage ist - das Schachspiel. Himmel, sagen wir, es werde immer so herrlich gespielt von zweien oder vieren, als man wolle, oder auch in solchem Grade erbärmlich, daß der Feind des Feindes schon am Abgrund= oder Schachbretrande; wanke: so sei dennoch kein Philidor, der am Tische stehe und beobachte, wie sein eignes Schach=Marschreglement und Zug=Gesetz erfüllt oder übertreten werde, im Stande nur im geringsten vorauszusagen wer von beiden gewinne, ob der Siebenachtel=Sieger, oder der Halb= ja Siebenachtel= Todte, sobald nämlich der einzige Hauptumstand eintrete, den man beim Schachspiel gar nicht kenne, daß (s)ich sein Kerl, z.B. der Markör (der Tod wird aber gemeint) ans Spiel machen könne, welcher mit rohen Knochen=Fingern jede deckende oder gedeckte Schachfigur aus- und wegheben dürfe, die er nur wolle, den Fou, den Königbauer, oder die Königin: Gott, rufen dann alle Sach= und Schachverständige einstimmig, welcher Mensch will an einem solchen Schachbret den siebenjährigen Krieg, auch nur zwei Minuten vor dem Ausgange, voraus errathen, können wir jeden fragen, der spielt?

Welchen Beweis führt Jean Paul in diesem Zitat mit Hilfe eines Vergleichs zwischen Krieg und Schachspiel?

Zunächst führt er an, daß über den Ausgang des Siebenjährigen Krieges niemand eigentlich etwas wisse, weder die Politiker noch er selber. Er grenzt dann aber ein, indem er nicht vom Krieg der Monarchien spricht, sondern von dem der Monarchen. Dies findet seine Entsprechung auf dem Schachbrett, auf dem letztlich um das Matt des gegnerischen Königs gekämpft wird, eine bedeutende Parallele im sprachlichen Bild. Zwar ist der Ausgang eines Schachspiels schwerer vorherzusagen, auch wenn häufig die sogenannten Schach-Kiebitze das anders sehen und beurteilen, als der Ausgang eines Krieges, weil, dies ist die ent-scheidende Differenz, der Tod "mit rohen Knochen=Fingern" im Krieg der Monarchen (!) gegeneinander die entscheidende Rolle eines ´Mitspielers´ einnimmt. Es mag Umstände geben und Nebenumstände, aber die Mitwirkung des Todes, des Knochenmannes, nennt er den "einzigen Hauptumstand", der das ´Spiel´ zum Ernst hin verändert. Der Tod rafft im Krieg vor allem die kämpfenden Soldaten hinweg, die mit Geld und Alkohol sowie leeren Versprechungen zum Militärdienst gepreßten "Landeskinder", das sogenannte einfache Volk ("den Fou, den Königbauer, oder die Königin"), nicht den Monarchen des Landes:

"[...] Wenn das politische und das Schachspiel von zwei Meistern gespielet werden, so bleiben zuletzt die Bauern auf dem Brett;."

Diese werden häufig auch noch geschlagen oder gelangen an den Hof, sprich: Sie steigern ihren Wert durch die Spielregel der Bauernum-wandlung. Wie im Schachspiel die Könige nicht geschlagen werden, sondern sich nur matt setzen lassen, und insofern ist das Bild in sich stimmig, werden auch im Krieg der Monarchen diese nicht geschlagen, sind möglicherweise mit ihrer Politik der Machterhaltung oder -erweiterung gescheitert oder erfolgreich. Jean Paul fährt an der gleichen Stelle mit einer Frage fort:

"[...] aber warum ist das 18te Jahrhundert so sehr auf die Fürsten erboßet"[...]?

und gibt sogleich auch eine Antwort:

"[...] Das Einzige, was das Säkulum für seine Angriffe auf Fürsten anführen kann, sind die Engländer, die im Seegefecht zuerst das Admiralschiff berennen, um die Signale und das Kommando zu verwirren."

Da nun lediglich die Menschen des 18. Jahrhunderts "erboßet" gegen ihre Fürsten zu sein scheinen, ist auch für Jean Paul nur ein Angriff auf das "Admiralschiff" denkbar. Nicht ein Angriff oder ein Sturz des Monarchen oder der Monarchien ist der Ausgang, das Ergebnis des "politischen Spiels" - für ihn wahrscheinlich nur als aufgeklärte Monarchie denkbar und wünschenswert -, nicht das Matt des Königs ist anzustreben. Dieser Angriff auf die Monarchien, dieses Matt des Königs, kann nur vom Volk ausgehen, dessen Rolle Jean Paul mit Hilfe eines Kupferstiches beschreibt. In dieser Metapher ist der eigentliche Stich mit seinen Motiven das Volk, der "Respekt", der unbedruckte Teil des Papiers, der Papierrand der Hof, der das Volk vom goldenen Bilderrahmen, der Krone oder dem König, fernhält.

"Aber freilich weiß ich dann nicht mehr, wenn es den Traumbündlern gelingt, was ein Hof ist, sobald der Respekt fehlt. Respekt nennen nämlich die Kupferstichhändler den reinen glänzenden Raum, welcher den grauen unscheinbaren Kupferstich umfaßt und hebt, und nach dessen Abschneiden das Blatt um mehre Gulden weniger gilt; - der Stich mit seinen Figuren stellt hier das Volk vor, das vom Glanzraum des Hofes in gewisser Weite bleiben muß, damit dieser es vom goldnen Kron=Rahmen genugsam trenne."

Eine bildhaft formulierte Umkehrung und Beschreibung der Rolle des Volkes. Dienen doch in Wirklichkeit der Bilderrahmen und der unbedruckte Teil eines Blattes zur Hervorhebung des eigentlichen Stiches, auch wenn das Kupferblatt knapp beschnitten ist, so stellt dies, das weiß jeder Sammler, zwar eine Wertminderung dar, hebt jedoch den Wert des Kupfers keineswegs völlig auf. Das "Volk" ist in seinen Rechten und Möglichkeiten um die Wende zum 19. Jahrhundert "beschnitten", hat seinen wahren Wert noch nicht erhalten oder erkämpft, kann seine eigentliche Rolle, nämlich im Zentrum zu stehen und echter Mittelpunkt der Betrachtung zu sein, noch nicht wahrnehmen. Das "politische - und das Schachspiel" sind noch nicht entschieden. 

VIII. Schlußbemerkung

In dieser Materialsammlung und Untersuchung zur Bedeutung des Schachspiels und seiner Sprache in den Schriften Jean Pauls ist versucht worden zu zeigen, daß der Dichter in seiner Biographie und seinem Werk durch das Schachspiel entscheidend geprägt worden ist.

Ihm gelingt es, unter Rückgriff auf die Sprache des Schachspiels und seiner Symbolhaftigkeit, philosophische, poetologische, pädagogische und psychologische Einstellungen, Beurteilungen und Ideen genauer auszudrücken. Fachbegriffe der Schachsprache dienen ihm dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit pointiert für seine Leser zu formulieren.

Er zeigt Kenntnisse des Spiels und seiner Ausprägungen, greift auf die Geschichte des Schachspiels zurück, um die Enge der deutschen Kleinstaaterei am Anfang des 19. Jahrhunderts zu kritisieren.

Der mechanischen Sensation des 18. Jahrhunderts, dem Schach-automaten des Baron von Kempelen, dem sogenannten "Türken", und der Kempelschen Sprechmaschine steht er ausgesprochen kritisch gegenüber. Überträgt auch hier Bedeutungen aus ihrem unmittelbaren Kontext, der Mechanik, und wendet sie gegen das mechanistische Welt- und Menschenbild, indem er stets die "Seelen" hinter der scheinbaren Mechanik betont.

Dies alles wurde durch die ausführliche Darlegung des sprachlichen Materials, in der Hauptsache entnommen den "sämmtlichen Werken" und der Ausgabe Eduard Berends, versucht zu belegen.

Sein Werk besitzt das, was er von den Romanen Hermes behauptet:

"[...] Weltkenntnis, Wahrheit, Einbildungskraft, Form, Zartsinn, Sprache [...]".

Darüber hinaus auch das im Werk Hermes von ihm als Fehlendes Bezeichnete: "poetischen Geist." 


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B) Gerhard Josten:

Schachkomposition und Kunst in: Festschrift Egbert Meissenburg, Refordis Verlag Publishing GmbH, 2008


Marcel Duchamp, Das Schachspiel, 1910

"Die Schachfiguren sind wie Drucklettern, die Gedanken in eine Form bringen; und obwohl diese Gedanken einen visuellen Eindruck auf dem Schachbrett hinterlassen, äußert sich ihre Schönheit abstrakt, wie in einem Gedicht." (Marcel Duchamp)

 
Einleitung

Das Schachspiel hat sich in vielfältiger Beziehung mit verschiedenen Künsten gepaart, weil es ein hohes kulturelles Erbe in sich birgt. So finden wir es beispielsweise als Thema der Musik in Form eines Musicals, in der Literatur bei Stefan Zweig mit seiner Schachnovelle und in der Malerei bei zahlreichen großen Künstlern wieder. Einer von ihnen ist Marcel Duchamp (28. 7. 1887 - 2. 10. 1968), ein Wegbereiter des Dadaismus und Surrealismus, der sich nach seiner künstlerischen Phase als Maler ganz dem Schachspiel widmete und als Mitglied der französischen Nationalmannschaft an fünf Schacholympiaden teilnahm. Von ihm stammt das obige Ölgemälde.

Schach bedarf aber nicht unbedingt der Paarung mit anderen Künsten, um als Bestandteil der Kunst zu gelten: Schach kann auch aus eigener Kraft in den Rang einer Kunst erhoben werden. Gemeinhin wird nämlich die Schachkomposition – also die Komposition von Schachproblemen und Endspielstudien – dem Bereich der Kunst zugeordnet, weil sie nicht an die Bedingungen einer Schachpartie gebunden ist und daher ihren Schöpfern die Chance bietet, schachliche Ideen in klarer Form ohne jeden überflüssigen Ballast zu präsentieren. Auch manche Schachpartie darf als Kunststück bezeichnet werden. In der Schachkomposition aber ist der Kampf um den Sieg, der eine Schachpartie auszeichnet, der Darstellung der Kunst weitgehend gewichen. Vor einiger Zeit gab mir der bekannte Schachspieler und Schachkomponist Yochanan Afek dazu u.a. folgende Bestätigung: I will just say that for me a chess study is first and foremost a creation of art and as such it should contain a theme or leitmotif (preferably original) and a process of paradoxical moves leading to some surprising climex, some highlight. Else it's simply a technical analysis of a chess position leaving no impression or kick…. The role of the composer (problems too) is in my opinion to discover and expose the treasures of chess (in particular those rarely occur in the realm of competitive chess) and that's what most of us try to do. Bazlov, like Matous to name just two, carry on this concept of their great predecessors such as Liburkin and Gurevich. [1]

Diese Auffassung ist offenbar auch die durchgängige und oft postulierte Forderung vieler anderer Experten, wie das folgende Beispiel zu Schachproblemen belegt. Ado Kraemer und Erich Zepler schrieben in der Einführung zu ihrem Buch „Im Banne des Schachproblems“: Was ist nun unter Schönheit im Schachproblem zu verstehen? Nach welchem Maßstab soll sie bewertet, nach welchen Regeln empfunden werden? Die Frage ist schwer zu beantworten, aber schließlich nicht schwerer als die analoge Frage nach der Schönheit eines Gedichtes, eines Musikstückes, eines Gemäldes. Durch einen solchen Vergleich wollen wir unsere unbedingte Überzeugung ausdrücken, dass das Schachproblem zur darstellenden Kunst gehört. [2]   Arthur Gehlert hat sich in seinem Buch "Über das Wesen desSchachproblems" 1927 allerdings etwas zurückhaltender geäußert.[3] Da das Schachspiel und damit die Schachkomposition im Gegensatz zu anderen Kunstbereichen aber nicht ohne nähere Kenntnis der Spielregeln für Jedermann zugänglich sind, fristen sie in der Kunstwelt – und darüber hinaus sogar in der Welt des Schachs – ein eher untergeordnetes Dasein.
Wenn die Schachkomposition auch nur als eine spezielle Kunstgattung anzusehen ist, dann entzieht sie sich – wie alle anderen Kunstgattungen – getreu dem lateinischen Wahlspruch „De gustibus non est disputandum“ einer unumstrittenen Bewertung. Über den bleibenden Wert eines Kunstwerks richtet nach aller Erfahrung die Zeit und diese Weisheit müsste eigentlich also auch für Schachkompositionen gelten. Dennoch wird an dieser Weisheit gerüttelt. Von den Schachpartien stammt nämlich ursprünglich der Begriff des Schönheitspreises. Im Lexikon für Schachfreunde findet sich unter diesem Stichwort folgender Eintrag: Auf Schachveranstaltungen ausgesetzter Preis für die schönste Partie des Turniers. Eine hierfür eingesetzte Jury bewertet die eingereichten Partien. Bis Anfang dieses Jh. galt der Schönheitspreis, der nach Abschluß der stärksten internationalen Turniere vergeben wurde, genausoviel wie der erste Preis oder übertraf ihn sogar noch an Bedeutung. Man war geneigt, die schöpferische Leistung im Schach höher zu bewerten als das reine Ergebnis. [4]

 
Geschichtliches

Wo liegt nun der Ursprung von Preisverleihungen im Schachbereich? Wenn wir die arabischen und mittelalterlichen Wettspiele einmal außer Betracht lassen, weil sie Lösewettbewerbe waren, dann begegnet uns kurz nach dem Londoner Schachturnier von 1851, das einen Wendepunkt in der Schachgeschichte der Neuzeit darstellt, erstmals der Begriff des Schönheitspreises. Er wurde im Jahr 1876 an den Engländer Henry Edward Bird für seine Partie gegen James Mason in New York verliehen. In seiner Partie gegen Mason opferte Bird mit dem überraschenden Zug 31.Ta6! seine Dame und gewann nicht nur mit diesem Damenopfer den Schönheitspreis:
 
Bird - Mason, 18761.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.exd5 exd5 5.Sf3 Ld6 6.Ld3 O-O7.O-O h6 8.Te1 Sc6 9.Sb5 Lb4 10.c3 La5 11.Sa3 Lg4 12.Sc2 Dd7 13.b4 Lb6 14.h3 Lh5 15.Se3 Tfe8 16.b5 Se7 17.g4 Lg6 18.Se5 Dc8 19.a4 c6 20.bxc6 bxc6 21.La3 Se4 22.Dc2 Sg5 23.Lxe7 Txe7 24.Lxg6 fxg6 25.Dxg6 Sxh3+ 26.Kh2 Sf4 27.Df5 Se6 28.Sg2 Dc7 29.a5 Lxa5 30.Txa5 Tf8 31.Ta6! (Die entscheidende Stellung in der Partie)



Txf5 32.gxf5 Sd8 33.Sf4 Dc8 34.Sfg6 Te8 35.Sxc6 Dc7+ 36.Sce5 Dxc3 37.Te3 Dd2 38.Kg2 Dxd4 39.f6 gxf6 40.Txf6 Se6 41.Tg3 Sg5 42.Sg4 Kg7 43.Sf4 De4+ 44.Kh2 Sh7 45.Sh5+ Kh8 46.Txh6 Dc2 47.Shf6 Te7 48.Kg2 d4 49.Se5 Dc8 50.Sg6+ 1-0

 Schönheitspreise für Schachpartien wurden und werden fast stets als Einzelpreise verliehen. Eine Rangfolge zu ermitteln ist hier unüblich. Andere Regeln gelten in den Lösungsturnieren. London hatte im Jahr 1854 bereits das erste Problem-Lösungsturnier gesehen, das in Walter Grimshaw seinen Sieger fand. In solchen Turnieren lässt sich eine eindeutige Rangfolge der Teilnehmer nach Güte der Lösung und Zeitverbrauch leicht ermitteln. Im Bereich der Schachkompositionen dagegen fordert die inzwischen üblich gewordene Ermittlung einer Rangordnung eine Qualifizierung ganz anderer Art, da in ihnen Kunst zu beurteilen ist.

Wie vergeblich solche Bemühungen sein können, allgemein gültige Kriterien für die Bewertung von Kunst im Schach zu formulieren, veranschaulichte der österreichische Meister Johann Berger (1845 - 1933) mit seinem Buch „Das Schachproblem und dessen kunstgerechte Darstellung“, in dem er die Prinzipien des breit angelegten Variantenproblems der älteren deutschen Schule festschreiben wollte. Das ist inzwischen Geschichte und daher nicht mehr aktuell. Aber auch in jüngerer Zeit hat es nicht an Versuchen gefehlt, die Kunst im Schach sinnvoll und nachvollziehbar zu bewerten. Hierzu kann als Beispiel das Bewertungssystem von Vaux Wilson (1899 - 1982) aus seinem Buch „When the pieces move“ von 1978 angeführt werden. In dieser Arbeit wurde der recht kuriose Versuch unternommen, mit einer nummerischen Bewertungsskala für Fesselungen, Entfesselungen, Linienöffnungen usw. verschiedene Schachprobleme künstlerisch zu bewerten, ein Unternehmen, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war und von dem heute niemand mehr spricht.

Doch kommen wir zurück zu den geschichtlichen Ereignissen. Das erste Kompositionsturnier ließ nicht mehr lange auf sich warten. Nach Manchester in 1857, Birmingham in 1858 und Cambridge in 1860 fand das bekanntere Londoner Schachturnier von 1862 statt. Den 1. Preis erhielten in den Mattaufgaben Conrad Bayer, in den Selbstmatts Arnold Pongracz und in den Studien Bernhard Horwitz, dessen damals ausgezeichnete Komposition hier gezeigt sei: 

Bernhard Horwitz 1862



Gewinn

Die Lösung lautet: 1.cxd4+ Kd5 2.c4+ Ke6 3.Txf6+ Dxf6 4.d5+ Kd6 5.Kf1 Df4 6.Shf7+ und Weiß gewinnt.

Alle Arten von Preisverleihungen im Schachbereich dürfen trotz ihres Alters von etwa anderthalb Jahrhunderten aber nur als Frischlinge in der über 1.500-jährigen Schachgeschichte bezeichnet werden. Neben allem hellen Licht, das solche wohlgemeinten Ehrungen ausstrahlen, dürfen ihre dunklen Schattenseiten aber nicht übersehen werden, wie noch darzulegen sein wird. Nach welchen speziellen Kriterien erfolgen solche Auszeichnungen für Partien und Kompositionen? Auf diesem Gebiet herrscht natürlich ebenfalls die Freiheit der Künste. Es können nur die ganz persönlichen Vorstellungen der Richter über Vielfalt, Eigenart und Schönheit des Geschehens auf den 64 Feldern des Schachbretts sein, auch wenn diese Kriterien inzwischen gelegentlich mit mathematischen Rechnungen wie beim oben genannten Vaux Wilson untermauert werden. Im Buch „Wege zu Schachstudien“ ist ebenfalls ein solcher Versuch einmal hilfsweise unternommen worden.[5] Einheitliche Beurteilungskriterien kann und wird es allerdings niemals geben und daher sind Meinungsverschiedenheiten zu Preisberichten seit jeher an der Tagesordnung. Der bekannte Problemkomponist Juraj Lörinc beklagte jüngst die häufige Einseitigkeit von Preisrichtern.[6] Über Preisverleihungen lässt sich wahrhaft trefflich streiten, wie ein älteres Beispiel aus der Turniergeschichte prächtig belegt. Siegbert Tarrasch lieferte beim Petersburger Turnier 1914 das Glanzstück einer Partie ab. Als Führer der schwarzen Steine gegen Aron Nimzowitsch opferte er in der folgenden Stellung gleich zwei seiner Läufer:
 
Nimzowitsch - Tarrasch, Petersburg 1914

1.d4 d5 2.Sf3 c5 3.c4 e6 4.e3 Sf6 5.Ld3 Sc6 6.O-O Ld6 7.b3 O-O 8.Lb2 b6 9.Sbd2 Lb7 10.Tc1 De7 11.cxd5 exd5 12.Sh4 g6 13.Shf3 Tad8 14.dxc5 bxc5 15.Lb5 Se4 16.Lxc6 Lxc6 17.Dc2 Sxd2 18.Sxd2 d4 19.exd4



Lxh2+ (Das erste Opfer) 20.Kxh2 Dh4+ 21.Kg1 Lxg2 (Das zweite Opfer) 22.f3 Tfe8 23.Se4 Dh1+ 24.Kf2 Lxf1 25.d5 f5 26.Dc3 Dg2+ 27.Ke3 Txe4+ 28.fxe4 f4+ 29.Kxf4 Tf8+ 30.Ke5 Dh2+ 31.Ke6 Te8+ 32.Kd7 Lb5#

Der ausgesetzte Schönheitspreis wurde dem verärgerten Tarrasch aber nicht zugesprochen, so dass ihm nur eine Richterschelte blieb, indem er schrieb: Diese für die Preisrichter ziemlich blamable Entscheidung liegt wohl hauptsächlich daran, dass der Vorsitzende des Kollegiums Mr. Burn war, ein nüchterner Engländer ohne künstlerischen Geschmack, der die Schönheit einer Partie nach der Dicke der in ihr geopferten Figur bemisst. [7] Dieser Vorfall erinnert nicht nur an die Partie Bird - Mason mit einem ausgezeichneten Damenopfer, sie verdeutlicht auch eine unangenehme Begleiterscheinung von Preisverleihungen: Sie führen gelegentlich zu Auseinandersetzungen.

Bei der Beurteilung von Preisverleihungen von Kunstwerken empfiehlt es sich generell, ihr spezielles Erfordernis im Auge zu behalten. Einerseits können sie eine conditio sine qua non darstellen, nämlich um etwas Unvollendetes zu vollenden. So erfordert beispielsweise das Vermächtnis von Alfred Nobel die jährliche Entscheidung des von ihm eingesetzten Gremiums für einen der vorgeschlagenen Literaten oder die Durchführung von Eiskunstlaufmeisterschaften die Auswahl der Sieger. Ohne Preise geht da gar nichts. Andererseits können Preisverleihungen als nachträgliche Auszeichnung gewährt werden für bereits existierende Kunstobjekte. Schachkompositionen in Informalturnieren sind nach ihrer Veröffentlichung durchaus ohne die Zugabe von Preisberichten lebensfähig: Sie bedürfen keines Nachweises ihrer Existenzberechtigung oder ihres Werts durch Auszeichnungen, auch wenn diese möglicherweise geeignet sind, das Ansehen einzelner Teilnehmer oder gar der Preisrichter zu erhöhen. An der Grenze beider Kategorien stehen fest terminierte Formalturniere für Schachkompositionen, die mit der Veröffentlichung der ausgezeichneten Kompositionen auch den Preisbericht abliefern. Vergleichen wir mit zwei anderen Bereichen: Wer käme beispielsweise auf die Idee, verschiedene Beiträge zu einer literarischen Festschrift nach ihrer Wertigkeit zu beurteilen? Und wer wollte dem Film-Oscar, der ab Ende der 1920-er Jahre die Filmkrise beenden helfen sollte, einen anderen Wert zusprechen als den einer Vermarktungsstrategie?

 

Richter und ihre Auszeichnungen

In ähnlicher Weise hat die FIDE sich auf eine Art von Werbeveranstaltung begeben, als sie mit der jährlichen Auswahl einer „Studie des Jahres“ eine ständige Kampagne ins Leben rief. Damit verfolgt sie nach ihrem ausdrücklich erklärten Willen die Absicht, eine permanente Werbung für die Schachkomposition zu betreiben. So ernannte sie die Studie von Yuri Bazlov, der damit zuvor den 5. Preis im Jubiläumsturnier für John Nunn erreicht hatte, zur Studie des Jahres 2005:

Yuri Bazlov, Studie des Jahres 2005, Remis



Die Lösung lautet: 

1.Sh8! Se5 [1...Sxh8 2.Kxh8 Kc6 3.Kg7 Kd5 4.Kg6 Le3 5.Kf5 g3 6.Kg4 Lf2 7.Kf3 Kd4 8.Ke2! =] 2. Sf7! 2...Sxf7 3.Kg6! Se5+! [3...Kc6 4.Kxf7 Kd5 5.Kg6 =] 4. Kf5! [4.Kxg5? Kc6! 5.Kf4 Kd6! 6.Ke4 (6.Kf5 Kd5 +-) 6...Ke6 7.Kf4 Kf6 8.g3 Ke6 9.Kg5 Kd5 10.Kf5 Kd4 11.Kf4 Kd3! -+] 4...Sf7 [4...Sf3 5.Kxg4][4...Lf6 5.Kxf6 Sf3 6.Kf5 Sh2 7.Kf4 =] 5.Kg6 Ne5+ 6.Kf5! remis 

Dies ist sicherlich ein sehr kunstfertiges Stück, auch wenn mit Fug und Recht bezweifelt werden kann, dass der gewünschte Werbeeffekt hiermit wirklich eintritt, weil der hohe Schwierigkeitsgrad und Kunstgehalt der Studie für den potenziellen, noch außenstehenden Schachinteressenten sehr schwer zugänglich ist. Sehr bezeichnend erscheint auch das Unternehmen, eine in einem Turnier mit dem 5. Preis ausgezeichnete Studie im Nachhinein in den Himmel zu heben, relativiert es doch das Urteil der originären Preisrichter und ihr Verständnis von Kunst in erheblicher Weise.

Im Kunstbereich ist ein Wettbewerb eigentlich fehl am Platz, weil er das Kunstgeschehen durch einen Kampf um Plätze und Ränge herabwürdigt. Welcher Art sind diese Veranstaltungen im Schach? Neben Mannschafts-Wettbewerben wie z.B. dem regelmäßigen World Chess Composing Tournament (WCCT) der FIDE und ihren Olympischen Wettbewerben bestimmen hinsichtlich der Masse vornehmlich die individuellen Wettbewerbe von Schachzeitschriften und die im Internet das aktuelle Kompositionsgeschehen. Hierbei wird unterschieden zwischen den formalen Turnieren, die in anonymer Form veranstaltet werden und die Werke zeitgleich mit dem Preisbericht veröffentlichen, sowie den informalen Turnieren, bei denen die Kompositionen unter Namensnennung vorab veröffentlicht wurden. Als Auszeichnungen werden in der Regel Preise, Ehrende Erwähnungen und Lobe vergeben. Weit verbreitet ist die Forderung, ein bestimmtes Thema zu erfüllen. So wurde beispielsweise zum 8. WCCT für die Studien gefordert, dass unverzüglich nach dem Angriff auf eine ungedeckte Figur eine zweite Figur eingestellt wird, eine Situation, die in Partien praktisch nicht anzutreffen ist. Als Beispiel wurde diese Studie angeführt:  
 
G. Kasparian, 1. Preis Magyar Sakkelet, 1969




Das ist die Lösung der Studie:

1.Kg4 Dc8+ 2.Kf3 (2.Kh4 Df8!) Db7+ 3. Td5!! (Der geforderte thematische Zug) Dxb1 4.Ta5+ Kb7 5.Tb5+ remis.

Ein wahres Kunstwerk des bekannten Meisters! Die FIDE hat sich mit dem Thema „Kunst“ und ihrer Bewertung in kluger Voraussicht nicht auseinandergesetzt. Lediglich in formaler Hinsicht beschäftigte sie sich mit dem Amt des Preisrichters eines Turniers und legte mit ihrem Anhang II zum „CODEX for CHESS COMPOSITION“ und in den „Guidelines for the Organization of Tournaments“ bestimmte Regeln fest, weil sie auch eigene Kompositionsturniere veranstaltet.[8] Dazu gehört das WCCT unter der Federführung der PCCC (Permanent Commission for Chess Compositions). In diesen Turnieren haben zunächst die teilnehmenden Länder eine interne Auswahl zu treffen und dann die drei besten Entwürfe einzureichen. Alle eingereichten Stücke werden abschließend von fünf Preisrichtern aus verschiedenen Ländern beurteilt und daraus werden die Gewinner ermittelt. Für die Bewertung sind von der PCCC einige Vorgaben gemacht worden.[9] Aber auch hier fehlt jeglicher konkreter Hinweis auf die Bewertung in künstlerischer Hinsicht. Wohl ist bemerkenswert, dass nicht ein einzelner Preisrichter, sondern ein Fünfer-Gremium das Urteil fällt. Dies scheint eine wichtige Erkenntnis für eine ausgeglichene Bewertung zu sein, denn das Maß an Subjektivität eines einzelnen Richters wird so zumindest relativiert und durch den Ausgleich verschiedener Meinungen auf ein breiteres Fundament gestellt.[10]

Es gibt weitere Versuche zur Verbesserungen von Preisverleihungen. Der zweimalige ungarische Meister Attila Schneider sprengte den gewohnten Rahmen der Beurteilung und verfiel auf ein völlig neues Verfahren, das allerdings bisher kaum Nachfolger fand. Als Preisrichter in seinem „1. Chess Clinic Study Composing Turnier“ fungierte ein Gremium, das aus allen teilnehmenden Komponisten bestand, die natürlich ihr eigenes Stück nicht bewerten durften. Die Beurteilungen der Teilnehmer schwankten in einem recht großen Umfang. Ein nicht zu übersehender Nachteil dieses Systems liegt darin begründet, dass in einem gewissen Rahmen durch Absprachen der Teilnehmer doch auch Manipulationen bei der Punktvergabe möglich sind. Dennoch ist das Ergebnis insgesamt als positiv zu sehen, weil es den Beurteilungsrahmen erweiterte. Pál BenkÅ‘ gewann in diesem Turnier den ersten Preis mit dieser schönen Studie:
 
Pál BenkÅ‘, 1. Chess Clinic Study Composing Turnier, Gewinn



Dies ist die Lösung: 1.De5+ Kc1! [1...Kc2 2.Dd6!] 2.Tb8! [2.Dd6? Db1+ 3.Ke3 Db3+] 2...Tc4+ 3.Kd3 Td4+! 4.Kc3 [4.Dxd4? Dxb8 5.Da1+ Db1+ 6.Dxb1+ Kxb1 7.Ke4 Kc2 8.Ke5 Kd3 9.Kf6 Ke4 10.Kxf7 Kf5] 4...Dd6! [4...Te4 5.Dxe4 Dc7+ 6.Dc4] 5.De3+! [5.Dxd4? Dxg3+ 6.Dd3 De5+ 7.Dd4 Dg3+] 5...Td2 6.Tb4 f5 [6...Dd7 7.Dg1+ Td1 8.Tb1+! Kxb1 9.Db6+] [6...f6 7.Ta4 Dc6+ 8.Tc4 Dd5 9.De1+ (9.Tc8? f5!; 9.gxf6? Kd1!) 9...Td1 10.De2 Td2 11.Kb3+ Kb1 12.De1+ Td1 13.Db4 Dd3+ 14.Tc3 Dd6 15.Tc1+] [6...Dc6+ 7.Tc4 Dd5 8.Tc5 Dxc5+ 9.Dxc5 Tc2+ 10.Kd4 Txc5 11.Kxc5 Kd2 12.Kd6 Ke3 13.Ke7 Ke4 14.Kf6!] 7.Ta4! Dc6+ 8.Tc4 Dd5 9.Tc8! [9.Tc5? Dxc5+ 10.Dxc5 Tc2+] 9...Dd7 10.Tc5 Dd6 [10...Dg7+ 11.Kb3+ Kd1 12.Df3+ Te2 13.Df1+] 11.Kb3+ Kd1 12.Tc1+! Kxc1 13.De1+ Td1 14.Dc3+ Kb1 15.Db2#

Wann bekommt man schon eine Studie zu Gesicht, die über 15 Züge hinweg nur einen einzigen Schlagzug aufweist, der dann auch noch durch die unterlegene Partei erfolgt? Ein besonderes Kompliment ist auch den Teilnehmern und Preisrichtern auszusprechen, die dieser Doppelaufgabe erstmals unterworfen worden waren.[11]


Bewertungskriterien

Nicht in Zahlen messbare Beurteilungskriterien sind ein Problem von grundsätzlicher Art, mit dem sich auch andere Fachbereiche außerhalb der Kunst befassen müssen. Wie verbreitet sind dabei die Kriterien von Eigenart, Vielfalt und Schönheit, die ein stabiles Bewertungsgerüst bilden, in aller Regel aber wiederum nur verbal zu beschreiben sind. Im Schachbereich könnten diese drei Elemente auch als Originalität, Variantenreichtum und Überraschung bezeichnet werden. Zu diesem Komplex existieren bereits einige Untersuchungen. Eine ausgiebige Darstellung zur Bewertung von Schachpartien zeigt Thomas Binder von der Schach-AG am Herder-Gymnasium Berlin-Charlottenburg, die im Internet detailliert abrufbar ist.[12] Diese verschiedenen Kriterien lassen sich fast problemlos auf den Bereich der Schachkomposition übertragen. Sie stellen allerdings eine überaus große Menge von Forderungen an die Preisrichter dar und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Forderungen angesichts der Masse der zu beurteilenden Arbeiten zeitlich sogar noch oberhalb der Schwelle anzusiedeln sind, die an Komponisten gestellt werden, die sich nur mit ihrem eigenen Stück auseinandersetzen müssen.

So bleibt denn zum Schluss dieser Überlegungen jeder – auch noch so gut gemeinte – Versuch letzten Endes vergeblich, allgemein gültige Prinzipien oder Weisheiten für die Beurteilung von Schachkompositionen zu formulieren, weil ein solches Unternehmen an Vermessenheit grenzt. Allerdings muss in diesem Zusammenhang auf eine nennenswerte Ausnahme hingewiesen werden. Wenn zu Ehren eines Jubilars ein Formalturnier ausgeschrieben wird und der Geehrte selbst die Preisverleihung in die Hände nimmt, dann kann ihm durchaus zugestanden werden, nach seinem eigenen Verständnis von Kunst besonders gut gelungene Werke zu bewerten, weil er damit eine zusätzliche Auskunft über seine eigenen Wertvorstellungen weitergeben und damit zur Darstellung seiner Persönlichkeit indirekt beitragen kann.

Der Zeitgeist trägt nicht unerheblich zu einer Relativierung der Auffassungen zur Kunst im Schach bei, wie das extreme Beispiel von Benjamin Glover Laws (1861 - 1931) aus dem Jahr 1923 zu Schachproblemen belegt.[13] Er reduzierte seine Beurteilung auf den Schwierigkeitsgrad, die Idee und die Konstruktion. Verdeutlicht wird das Beurteilungsproblem der Kompositionskunst in einer ganz aktuellen Ausschreibung. Im laufenden Wettbewerb „Riphey 2007“ (Oskar der Schachkomposition), der von Andrey Selivanov in der Zeitschrift „The Ural Problemist“ initiiert wurde, geht man einen neuen Weg, um einer Einseitigkeit von Preisrichtern zu begegnen. Man hat zehn Redakteure von Schachzeitschriften aufgerufen, die eingereichten Arbeiten nach einem vorgegebenen Schema zu bewerten.[14] Doch auch hier hat man sich ein Hintertürchen offen gelassen: Für den Fall, dass die Ergebnisse subjektiv sein sollten, besitzt der Vorsitzende der Jury das Recht, sie im Alleingang abzulehnen. Dies zeugt nicht von unbedingtem Vertrauen in die Kollegenschaft. Es wird interessant sein zu erfahren, ob in diesem Turnier eine relativ große Übereinstimmung in den Ergebnissen erzielt wird und die Spannen nicht zu groß ausfallen. Der Autor dieser Zeilen hat daher zu diesem Wettbewerb versuchsweise eine Studie eingereicht, um neue Erfahrungen über die Arbeit von Preisrichtern zu gewinnen.

Wie bereits vorn einmal erwähnt wurde, richtet nur die Zeit über den Wert oder Unwert einer künstlerischen Arbeit. Im musikalischen Bereich beispielsweise lässt sich dieser Wert überschläglich über die Anzahl der Aufführungen über einen angemessen großen Zeitraum hinweg messen. Besonders klar erscheint aber der Wert von Malereien messbar zu sein, weil diese Kunstwerke oft in Versteigerungen auf den Markt gelangen und auf diese Weise eine monetäre Bewertung erhalten, die ein deutliches Maß für ihren ideellen Wert darstellt. Warum ist dieser Schritt noch nie für Schachkompositionen beschritten worden? Die Frage der Eigentumsrechte spielt bei dieser Frage eine gewichtige Rolle. Einige Schachspieler von Weltrang wie Steinitz haben sogar – wenn auch vergeblich – versucht, ihre Partien schützen zu lassen und so an Ruhm und Geld zu gelangen.[15] Schachkomponisten haben es ebenfalls versucht: Von Samuel Loyd ist beispielsweise bekannt, dass er seine „Orgelpfeifen“ patentieren lassen wollte. Auch er scheiterte. Was ihm allerdings keiner streitig machen kann, das ist die Erstdarstellung seiner Orgelpfeifen und vieler anderer Themen, also die Priorität der Darstellung. Ein rechtlicher Schutz ist und bleibt jedoch nicht möglich. Das belegt auch ein Versuch in neuerer Zeit: Der Großmeister Robert Hübner bemühte sich um 1995, über den Deutschen Schachbund ein Urheberrecht für seine Partien zu erhalten. Er erhielt eine ablehnende Beurteilung.[16]

Ein erfolgversprechenderer Weg, den Wert einer Schachkomposition zu ermitteln, scheint dagegen die Widmung einer Arbeit zu sein, die – wie bei Malereien – ebenfalls über Auktionen erfolgen könnte und vom Autor zu seinen Lebzeiten initiiert werden müsste. Widmungen sind in diesem Bereich zwar selten, aber sie existieren bereits und bilden daher kein Neuland, das erst noch erkundet werden müsste. Gemeint sind in diesem Zusammenhang solche Widmungen, die erst nach der Veröffentlichung ausgesprochen werden. Möglicherweise bietet dieser Weg eine Chance, die dauerhafte Bedeutung einer Schachkomposition über ihren Marktwert zu ermitteln. Immerhin ergab ein Versuch des Autors dieser Zeilen, dass dieser Weg möglich ist, auch wenn sich zeigte, dass das Interesse im Rahmen einer Versteigerung einer Endspielstudie im Internet mit vier Bietern recht gering ausfiel und der erzielte Erlös hier schamhaft verschwiegen werden soll.

 

Vor- und Nachteile von Ehrungen

Es bleibt abschließend die aus der Überschrift herzuleitende Frage zu beantworten: Wem nutzen Auszeichnungen für Schachkompositionen? Bei diesen Preisverleihungen ziehen einen Nutzen: 

     der Veranstalter eines Turniers, weil er sich damit konform zu anderen Veranstaltern verhält und keine Sonderrolle einnehmen muss, sondern den Anreiz zur Teilnahme erhöhen kann,

     ein Jubilar, zu dessen Ehren ein Turnier veranstaltet wird,

     der oder die Gewinner eines Wettbewerbs, weil damit eine Auszeichnung vor den anderen Teilnehmern erfolgt, die gelegentlich auch noch mit einem Buch- oder Geldpreis versehen ist, 

     der Preisrichter selbst, weil sein Amt als solches ihn besonders hervorhebt und

     die Nachwelt, weil sie damit einen ersten Anhalt für eine spätere Bewertung erhält, auch wenn sie vom Zeitgeist geprägt bleibt.

Diesem Nutzen stehen aber auch potenzielle Nachteile entgegen hinsichtlich:

     der Subjektivität des Preisrichters, die möglicherweise durch eine Mehrfachprüfung gemildert werden kann,

     der Einführung eines Kampfelements in der Kunst,

     möglicher nationaler oder persönlicher Präferenzen von Preisrichtern,

     der oft sehr langen Wartezeiten zu den Preisberichten und

     möglicher feindlicher Auseinandersetzungen über die Preisverleihung.

Wünschenswert bleibt eine Darstellung von Schachkompositionen, die – ähnlich der Aufgabe eines Museums – lediglich der Erbauung, Freude, Information oder der Anerkennung gewidmet wird, indem z.B. bei informalen Turnieren auf einen Preisrichter und Preisvergaben gänzlich verzichtet wird. In einem speziellen Bereich geht die FIDE erfreulicherweise mit gutem Beispiel voran. Ihr im Dreijahresturnus erscheinendes FIDE-Album nimmt ohne Preisvergaben solche Kompositionen auf, die durch ein Gremium ausgewählt wurden. Die ranglose Aufnahme in das Album stellt also die eigentliche Ehrung eines Komponisten dar. Kunst muss nicht ständig im Wettbewerb enden, wenn wir in diesem Fall übersehen, dass ein Aufnahmeantrag zum Album als ein Wettbewerb gesehen werden kann. Zeitlose Werke können dennoch auch ohne solche Ehrungen auf Dauer bestehen. Bekannte Komponisten wie Alois Wotawa, der mehr als 350 Studien komponierte, und Hans Johner, der mehr als 200 Probleme schuf, haben sich bei der Teilnahme an Turnieren sehr zurückgehalten, obgleich sie Meister ihres Fachs waren. Die ihnen damals zur Verfügung stehenden Möglichkeiten einer Veröffentlichung außerhalb von Turnieren existieren heute aber kaum noch, weil die einstigen zahlreichen Schachspalten in Zeitungen heute praktisch durchgehend eingestellt sind.

 
Ein Beispiel

Als einfachste Form einer wettbewerbsfreien Darstellung der Kompositionskunst bietet sich –neben dem zuvor erwähnten Jubiläumsturnier – ein „preisfreies“ Gedächtnisturnier etwa im Zusammenhang mit der Ehrung für einen verstorbenen Schachkomponisten oder eine „preisfreie“ Festschrift geradezu deswegen an, weil in ihnen das Erfordernis einer Bewertung der Beiträge recht weit hinter der Absicht des Ehrungsgedankens zurücksteht, wenn es ihm nicht sogar entgegensteht. Das hätten sich auch die Veranstalter des Bent Memorial Composing Tourney zu Ehren des englischen Komponisten Charles Michael Bent (1919 - 2004) zu Herzen nehmen sollen, die mit ihrem vorläufigen Preisbericht in der  Septemberausgabe 2007 der Zeitschrift „The Problemist“ diese Studie von Yuri Bazlov mit dem 1. Preis auszeichneten: 

Yuri Bazlov, The Problemist, Sept. 2007, Gewinn



Die Lösung lautet:

1.Sf5 [1.Kxf8? f1D+ 2.Shf7 Kd4 3.Ke7 Dc1 4.Kf6 (4.Le8 Dc8 =; 4.Ld7 Dc7 =) 4...Df1+ 5.Ke6 Db1 =] [1.Ld7? Lxh6 2.Lh3 Kd4 3.Sg4 Kxd3 4.Sxh6 Ke2 5.Sf5 f1S =] 1...f1D 2.Ld7 Ld6 [2...Lg7 3.d4+ Kd5 4.Lc6+ Ke6 5.Sxg7+ Kf6 6.Kf8 +-] [2...Lh6 3.d4+ Kd5 4.Lc6+ Ke6 5.Sxh6 Da1 6.Ld7+ Kd5 7.Sf5 +-] 3.d4+ Kd5 4.Lc6+ Ke6 5.Sg4 Dxf5 [5...Kxf5 6.Se3+ +-] [5...Lf4 6.Ld7+ Kd5 7.Sge3+ +-] 6.d5+ Dxd5 7.Ld7# 

Dabei übersahen die Preisrichter aber den folgenden gravierenden Fehler in der Komposition: Nach der Fortsetzung 2...Lh6 3.d4+ Kd5 4.Lc6+ Ke6 5.Sxh6 Df4 6.Ld7+ Kf6 bleibt Weiß nur noch ein Remis übrig. Dieser bedauerliche Missgriff der Preisrichter blieb jedoch nicht der einzige, denn auch weitere ausgezeichnete Studien erwiesen sich als unkorrekt. Auch der Zeitfaktor spielte hier eine Rolle. Immerhin war mit der Veröffentlichung des vorläufigen Preisberichts schon wesentlich mehr als ein Jahr nach dem Einsendeschluss 30. 6. 2006 vergangen und ein endgültiger Preisbericht ist wegen der Einwendungen immer noch nicht abzusehen. Eine weitere Besonderheit zeichnete das Turnier aus: Aus dem Dreiergremium des Preisgerichts schied einer der Preisrichter wegen unüberbrückbarer Differenzen aus. Ferner wird an diesem Beispiel deutlich, dass das Aufstellen einer Rangfolge in einem Preisbericht unweigerlich die Konkurrenz auf den Plan ruft und fleißig nach Fehlern suchen lässt, um in der Rangfolge nach oben aufzurücken. Ein nachträglicher Wettbewerb der Unterlegenen sollte eigentlich nicht der Sinn von Gedächtnisturnieren sein, denn diese sollten in erster Linie ehren. So haben wir denn mit diesem Turnier einen Prototyp der Unwägbarkeiten von Preisverleihungen vor Augen und dieser aktuelle Fall bestätigt wegen seiner Fülle an Ungereimtheiten erneut die Fragwürdigkeit mancher Preisvergaben. Charles Michael Bent würde sich im Grab herumwälzen, erführe er davon: Er hat keinen Streit verdient!

 
Schlussfolgerung

Es wäre daher an der Zeit, Preisverleihungen in Kompositionsturnieren besonders dann zu unterlassen, wenn der Preisrichter nicht zugleich der Geehrte ist, denn sie legen eher Zeugnis ab für den Preisrichter als für den Komponisten. Kunst lässt sich nicht widerspruchsfrei bewerten und daher hat der Verfasser dieser Zeilen mehrfach die Bitte abschlägig beschieden, in einem Turnier als Preisrichter tätig zu werden. Eine Kontrolle von Turnieren im Dezember 2007 ergab, dass unter mehr als laufenden 50 Ausschreibungen sich nur eine einzige ohne Preisgericht befand. Handelt es sich bei Preisverleihungen im Bereich der Schachkomposition nicht nur um einen unausrottbaren Zopf, der an der Stätte seiner Erfindung – nämlich in der Schachpartie – inzwischen ziemlich aus der Mode gekommen ist? Dort wird zwar noch verbissen um Plätze und Elo-Punkte gerungen, aber die Vergabe von Schönheitspreisen findet man nur noch sehr selten. Wird uns bei den Schachkompositionen das einst bei Partien erfundene Spektakel von Preisvergaben auf Ewig erhalten bleiben, weil die Komponisten und Preisrichter in den entsprechenden „Wettbewerben“ den in der Partie gewohnten klaren Ausgang schändlich missen? Es scheint, als müsste die letzte Frage bejaht werden. Das lehrt uns die Erfahrung. Schon Pablo Picasso meinte einmal: Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen sage, dass ich Ihnen definiere: Was ist Kunst? Wenn ich es wüsste, würde ich es für mich behalten.



Marcel Duchamp,Schachspielerportrait, 1911
 
Am Beispiel des zuvor erwähnten Malers und Schachspielers Marcel Duchamp wird deutlich, dass die Beurteilung von Kunst einem ständigen Wandel unterworfen ist. Nur ein Jahr nach seinem oben gezeigten impressionistischen Werk aus 1910 schuf er das nebenstehende surrealistische Gemälde. Nichts ist beständiger als der Wandel! Diese uralte Weisheit trifft auch für die Beurteilung von Schachkompositionen zu. Kunst bleibt unmessbar und daher sollten Preisverleihungen mehr als in der Vergangenheit auf ein sinnvolles Maß beschränkt und Rangordnungen weitgehend gemieden werden. 

Fußnoten:

[1] Aus einer Email vom 2. Dezember 2007.

[2] Gefunden auf der Webseite von Ralf Krätschmer: http://www.berlinthema.de/Banne1.htm, Stand März 2008.

[3] Arthur Gehlert, Über das Wesen des Schachproblems, Leipzig 1927, S. 4: „Die Wirkung des Schachproblems reicht aber in vieler Beziehung bei weitem nicht an die andrer Kunstarten heran. Denn erstens hat es unmittelbar mit dem Gemüt des Menschen nichts zu tun. Es wendet sich lediglich an seinen Verstand und gar nicht an seine Leidenschaften. Zweitens wird dasjenige, worin die übrigen Künste sich veranschaulichen, von unserer Empfindung aufgefaßt. Der Dichter hat die Melodie der Rede; der Musiker die des Tons; dem Bildhauer und Maler öffnet sich die gesamte Körperwelt mit ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit an Formen, Farben, Kontrasten von Licht und Schatten usw. Diesen mächtigen Konstituenten: sinnliche Empfindung besitzt der Problemkünstler für die Wirkung seiner Erzeugnisse nicht.“

[4] Manfred van Fondern, Lexikon für Schachfreunde, Ausgabe 1980, ISBN 3-7658-0308-1, S. 277.

[5] Hörning, Josten, Minski: Wege zu Schachstudien, 2006 Homburg, ISBN 3-933648-29-7, Seite 232.

[6] Ausschnitt aus: Juraj Lörinc auf seiner Webseite http://jurajlorinc.tripod.com/chess/judrefpd.htm, Stand März 2008:

Judges of tourneys usually write in the introductions of their awards about criteria they've used for judging as well as about the influence of their personal preferences to the award. Yes, it is undeniably true that personal preferences play an important role in ranking the problems. Even the best experts can value and rank a same set of compositions in a very different order. The regular and the most important examples are FIDE Albums (or WCCI). Sections are judged by really experienced persons, usually holding the official title of International FIDE Judge. But their outcomes are often very different. How is it possible that a composition can get 4 points from one judge (it means in his opinion it should surely be in the Album), while other judge gives it only 2 points (it means in his opinion it is good, but probably not enough for the Album)? It is possible, I wouldn't blame the judges, I see why - and I guess you know the answer now too. Despite all more-or-less objective criteria for judgement, personal preferences of the judge play if not the crucial role, at least very important.

[7] Tarrasch, Dr. Siegbert (Hrsg.): Das Großmeisterturnier zu St. Petersburg im Jahre 1914. Sammlung sämtlicher Partien mit ausführlichen Anmerkungen. Im Auftrage des Turnier-Komitees. Mit einem Anhang: Die Ergebnisse des ... . Selbstverlag, Nürnberg 1914.

[8] http://www.saunalahti.fi/~stniekat/pccc/codex.htm, Stand März 2008:

Functions of the Judge

Subject to special conditions or restrictions applicable to the tournament, the normal functions of the judge are as follows:

(a) to satisfy himself that he knows the final form of every eligible composition (i.e. the form incorporating any alteration or correction made by the composer before the closing date);
(b) to eliminate all compositions which do not conform to any set theme or other requirements of the tournament;
(c) to consider all eligible compositions in their final form;
(d) to decide which of the eligible compositions are in his judgment of sufficient aesthetic merit to be honoured;
(e) to satisfy himself, as far as he can, that no composition which he wishes to honour is anticipated, and to take account of any partial anticipation known to him;
(f) to prepare an award ranking the honoured compositions in order of merit according to his judgment, and normally dividing them into grades as prizewinners, honorable mentions and commendations (placing as many in each grade as he thinks fit), and adding such comments as he considers appropriate;
(g) to submit his award to the director within a reasonable time;
(h) to consider any objections to his award transmitted to him by the director, and to notify the director promptly of his adjudication of them, including any consequential adjustment of his award.


[9] http://www.saunalahti.fi/~stniekat/pccc/8rules.htm, Stand März 2008:

15. Each judging country will allocate points to all sound compositions in the section which it has agreed to judge, except entries from the judging country itself, using a scale from 0 to 4 including half-points. The Tournament Director will calculate the average points gained by each composition by dividing the total points by 5 (or by 4 in the case of compositions from a judging country). In addition, any individual score (0, ½, 1, 1½, .. , 3½, 4) may be allocated a suffix of either "+" (plus), or "–" (minus), or else it could remain without a suffix (e.g., a problem may get a score of 1+, 2, 2½-, 3½, 4+ etc). The number of pluses minus the number of minuses divided by the number of judgments will decide in the case of entries getting the same overall score.

[10] Der bekannte Komponist und Preisrichter Wieland Bruch teilte mir dazu am 12. 12. 2007 mit: Das KANN so sein, aber ebensogut kann sich die Subjektivität geradezu potenzieren! Ein solches Fiasko bei einem sehr großen und wichtigen Turnier hat es beim Olympia-Turnier Helsinki 1952 gegeben: Die besten Aufgaben hatten das 'Pech', nur jeweils von einem der drei namhaften Richter Ahues, Blikeng und Mansfield für eine hohe Auszeichnung vorgeschlagen worden zu sein. So landeten fast ausnahmslos jene Stücke weit vorne, die KEINER der drei Richter dort haben wollte (eben der Durchschnitt!)... Diese Methode des Richtergremiums hat sich nicht nachhaltig bewährt

[11] S. Fn.9: So ganz neu ist diese Methode nicht: Hier sollten Sie keinesfalls Grasemanns Turniere in SCHACH verschweigen, bei denen er stets (in allen Abteilungen!) die LÖSER als Preisrichtergremium statt EINES 'Fachmannes' einsetzte. Das hatte eine enorme Werbewirkung und für die Löser zudem einen deutlichen 'Bildungseffekt'. Die Urteile (in übersichtlicher Tabellenform vollständig präsentiert) glänzten zumeist durch auffällige Einhelligkeit, waren mit Sicherheit nicht anfechtbarer als vergleichbare Urteile EINES Preisrichters.

[12] S. http://www.herderschach.de/Training/Online/index-tr035.html#a6, Stand März 2008. Danach forderte François Le Lionnais bereits 1939: 1. Korrektheit, 2. Zielstrebigkeit, 3. Originalität, 4. Schwierigkeit, 5. Lebhaftigkeit, 6. Reichtum und 7. Logische Einheit. Die englischen Autoren David Friedgood und Jonathan Levitt in "Secrets of spectacular chess" (1995) definieren vier Merkmale schönen Schachs: 1. Paradox, 2.Tiefe, 3.Geometrie und 4. Spielfluss. Einzelheiten sind auf der angegebenen Webseite zu lesen.

[13] B. G. Laws, The Artistry of the Chess Problem, 1923: In considering the Chess Problem with a view to appreciating its qualities, three essentials must be borne in mind: difficulty, idea and construction. Each of these is complementary of the others.

[14] S. http://www.selivanov.ru/riphey/riphey2007/, Stand März 2008. Auszüge aus der Ausschreibung: Die Schachkompositionen, die in 2006 auf folgenden 8 Gebieten veröffentlicht wurden: 1) Zweizüger; 2) Dreizüger; 3) Mehrzüger; 4) Studien; 5) Hilfsmatts; 6) Selbstmatts; 7) Märchenchach; 8) Retro, teilhaben können… Alle Komponisten, die ihre besten Kompositionen (die sie allein oder mit vereinten Kräften verfasst hatten), in einem Gebiet einsenden, haben das Recht am Wettbewerb teilzunehmen. Es ist möglich, sowohl in einem, als auch in mehreren Gebieten teilzunehmen. Für den Fall, dass jemand mehr als 2 Kompositionen in einem Gebiet schickt, wird der Antrag annulliert… Um in der Zuerkennung teilzunehmen, laden wir jene Redakteure von Zeitschriften, die über Schachkomposition schreiben, die Redakteure, welche Schachkompositionsabteilungen von Zeitschriften führen, Redakteuren separater Abteilungen, Großmeister in der Schachkomposition (internationale Großmeister, internationale Meister, FIDE Meister, internationale Richter) ein.

[15] Steinitz im International Chess Magazine, November 1886, S. 336: „There is hardly any first-class professional who, on the average, has earned more than the wages of a common laborer and, on the other hand, there are thousands of occupations in which thousands of times more money is made with thousands of times less expenditure of real intellect ... It is gravely preached that men of talent and genius, who happen to be born without a golden spoon in their mouth, should enter the public chess arena in a starving condition merely for the entertainment of thousands of rich people all over the world who only ought to pay their money to incapable critical chess pirates and their publishers.“

[16] S. http://www.recht.schachbund.de/pdf­_dateien/gutachten.pdf, Stand März 2008.


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C) Gerhard Josten:

War das Spiel aus Shar-i Sokhta etwa Schach? Schach-Journal 1/1993 

 

 

 

 



 



Während der Schachhistoriker - Konferenz vom 26.11.-29.11.1993 im Max-Euwe-Zentrum in Amsterdam wurde vom Verfasser erstmals die Veröffentlichung der nebenstehend  abgebildeten archäologischen Funde vorgestellt. Das damalige Interesse der Schachhistoriker an diesen Funden kann als allenfalls sehr mäßig bezeichnet werden. Ist dieses erhebliche fachliche Desinteresse berechtigt oder zumindest erklärbar? 

Zunächst sollen die Funde nochmals gezeigt werden. Sie stammen aus einem Grab bei Shar-i Sokhta im heutigen Dreiländereck Iran/Pakistan/Afghanistan und werden von den Archäologen in die Zeit um 2.400 - 2.300 v.Chr. datiert. Veröffentlicht wurde der Fund in Band 1 der "Berliner Beiträge zum Vorderen Orient", Teil 1, herausgegeben von Hartmut Kühne / Hans-Jörg Nissen / Johannes Renger unter dem Titel "Mesopotamien und seine Nachbarn - Politische und kulturelle Wechselbeziehungen im Alten Vorderasien vom 4. bis 1. Jahrtausend v.Chr.", Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1982. Dort ist ab Seite 79 ein Artikel von M. Piperno und S. Salvatori enthalten mit der Überschrift : "EVIDENCE OF WESTERN CULTURAL CONNECTIONS FROM A PHASE 3 GROUP OF GRAVES AT SHAR-I SOKHTA". Aus diesem Artikel stammen die obigen Abbildungen, die der Deutlichkeit halber farblich hervorgehoben wurden. 

Bei diesem Fund handelt es sich wohl unstreitig um ein Spiel, wobei zunächst offen bleiben kann, ob die vier aufgefundenen Stangenwürfel zu den übrigen Spielgeräten gehörten oder eigenständige Geräte waren. Das herausragende Merkmal der Spielsteine ist ihre Differenzierung. Wo immer Spielsteine differenziert sind, liegt eine Ähnlichkeit mit dem Schachspiel nicht ganz fern. Wenn in diesem Fall mit Ausnahme zweier erhabener Figuren die Spielsteine flache Steine sind, so hat dies keine besondere Bedeutung, denn auch das chinesische Schach Xianqi wird noch heute mit flachen Steinen gespielt: Diese  weisen einschließlich der Hauptfigur geometrisch eine völlig einheitliche Form auf und werden lediglich durch Schriftzeichen differenziert. Auf Anhieb drängen die Steine von Shar-i Sokhta die Vermutung auf, daß sie wegen ihrer Differenzierung auch unterschiedliche Gangarten besaßen und daher vom Prinzip her den Schachfiguren sehr nahestehen. Daß ihre Differenzierung auch eine unterschiedliche Bewertung ausdrücken kann, wird ebenfalls noch deutlich werden.



Die Steine lassen eine recht hohe Ungenauigkeit in ihrer äußeren Form erkennen. Dies gilt sowohl für die Abmessungen in der Größe als auch für die Herausarbeitung der geometrischen Details. Beides läßt darauf schließen, daß entweder bei der Herstellung oder bei der Ersatzbeschaffung der Spielsteine nicht die allerhöchste Qualität verlangt wurde. Es muß also wohl ein Spiel des einfachen Volkes gewesen sein. Wir können auf jeden Fall zunächst prinzipiell vier unterschiedliche Arten von Spielsteinen ausmachen, denen jeweils eines der nebenstehenden  geometrischen  Muster zu Grunde liegt. Es ist ferner angegeben, wie häufig das betreffende Stück im Spielsatz vertreten ist.



Bei der Beurteilung der Differenzierung der Steine  gilt nun besonders zu beachten, daß diese keinem einfachen und elementaren Schema folgt, wie es nach den beiden nebenstehenden Beispielen leicht möglich gewesen wäre. 

Nein, die Steine von Shar-i Sokhta sagen vielleicht doch sehr viel mehr aus als eine schlichte und einfache Differenzierung. Dieser potentiellen Aussagekraft der Steine soll nun besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Aber ehe darüber eine Spekulation angestellt wird, muß noch auf zwei ganz besondere Steine eingegangen werden, die bisher übergangen wurden. Es sind die sehr auffallenden, erhabenen und senkrecht stehenden Kegel, die sich nur wenig voneinander unterscheiden. Für sich allein oder nur in Verbindung mit den Würfeln machen diese Kegel wenig Sinn, denn wären sie etwa Spielsteine  in einem  eigenen Rennspiel gewesen, hätten sie leicht durch einen Kieselstein ersetzt werden können. Im Gegenteil: Der offenkundige Aufwand für ihre Herstellung rechtfertigt die Annahme, daß sie wie die Würfel zu einem einzigen Spiel gehörten. Es ist ferner zu beachten, daß der gesamte Fund in einem Behälter aufbewahrt war und damit als ein ungestörter Beleg anzusehen ist. Dies rechtfertigt die Annahme, daß die Kegel zu den differenzierten Steinen gehörten. Unter dieser Annahme kommt den Kegeln unter Respektierung ihrer körperlichen Dimension natürlich eine Ausnahmestellung unter allen Spielsteinen zu, die der Stellung des Königs im Schachspiel ähnlich ist. Wenn sie zum Spiel gehörten, waren sie die Könige des Spiels. In diesem Falle wäre die Erhabenheit dieser zwei Steine auch gleichzeitig Ausdruck ihrer besonderen Wertigkeit im Spiel. Wir fänden somit in diesem Spiel eine Differenzierung der Steine nicht nur nach Gangart, sondern auch nach Bedeutung. Sicher scheint jedenfalls dann auch, daß das Spiel zu Zweit gespielt wurde. 

Gehen wir jetzt vor diesem Hintergrund in den Bereich der Spekulation. Wir benötigen  eigenartigerweise nur eine einzige Hypothese, um entweder dem Geheimnis des Spiels  näherzukommen oder um eine zumindest sehr harmonische Erklärung für das Spiel zu haben. Diese These lautet: Die geometrische Form der Spielsteine differenziert sie nicht nur, sondern gibt gleichzeitig auch Auskunft über ihre Gangart.



Wir unterscheiden dazu die Figuren in zwei Hauptkategorien, nämlich die einfachen Dreiecke und Vierecke sowie die gestuften Dreiecke und Vierecke. Zunächst befassen wir uns mit den gestuften Steinen, weil ihrer Gestalt offenbar ein quadratisches Muster zu Grunde liegt. Dies könnte Auskunft über ihr Zugvermögen geben, wenn das Spiel auf einem quadratischen Raster ablief. Die Gestalt würde also ständig die  hypothetischen Gangarten der gestuften Steine vor Augen führen: Die äußere Begrenzung der  Spielfigur zeigt gleichzeitig die Zugbegrenzung auf dem Spielbrett an, wenn wir unterstellen, daß sich die Aussage der Geometrie auf den symmetrischen Mittelpunkt der Figur bezieht. Dieser Punkt ist in der obigen Skizze markiert.



So ergibt sich, daß das gestufte Dreieck seitwärts und vorwärts bis zu zwei Felder und diagonal vorwärts ein Feld weit gehen kann. Rückwärts kann es nicht ziehen. Wir hätten hier ein Pendant zum bekannten Bauern. Das gestufte Viereck dagegen kann wie angegeben auch rückwärts ziehen und hätte vier Felder mehr zur Verfügung als unser heutiger König. Diese beiden Figuren wären also in ihrem Zugvermögen begrenzt gewesen. 

Wenn wir bei der obigen Ableitung der Bewegung der Figuren bleiben, dann sind die einfachen Dreiecke und Vierecke in ihrem Zugvermögen nicht begrenzt, oder anders ausgedrückt: Wegen der Vielzahl der erreichbaren Felder hat man ihre äußere Form nicht mehr dem quadratischen Raster nachgebildet, sondern die Stufen zu einer durchgehenden Linie geglättet. Von den unbegrenzten Zügen gibt es nur zwei Arten, nämlich den Turmzug und den Läuferzug. Welcher Zug zu welcher Figur gehört, liegt auf der Hand. Hier tauchen also bekannte Figuren auf, während uns die gestuften Figuren fremd sind. Damit hätten wir vier verschiedene Gangarten der vier verschiedenen Steine ermittelt. Aber auf welchem Spielbrett wurde gespielt?



Wenn wir von zwei Spielparteien ausgehen, dann fehlt mindestens ein gestuftes Viereck, von denen drei gefunden wurden. Fügt man diesen Stein gedanklich hinzu, so hat das Spiel einschließlich der Kegel 28 Steine aufzuweisen. Für diesen Satz läßt sich auf Anhieb keine sinnvolle Ausgangsstellung auf einem Brett mit quadratischem Raster finden. Ein Brett war dem Spiel nicht beigefügt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß im Grab auch ein besonderes Exemplar des bekannten 20-Felder-Spiels gefunden wurde, das aber schon wegen der geringen Anzahl der Felder nicht als Basis des besprochenen Spielsatzes in Frage kommt. Weiter kommt man dagegen mit der Annahme, daß die einfachen und die gestuften Dreiecke komplett sind. Dann betrug die Basisbreite des Brettes genau fünf Felder. Damit wäre eine Ausgangsstellung zu konstruieren, die allerdings den Nachteil hat, daß je Partei ein Spielstein fehlt. Symmetriegründe rufen aber regelrecht nach zwei weiteren einfachen Quadraten. Mit ihrer Ergänzung läßt sich nun eine Ausgangsstellung bauen, die in sich schlüssig scheint, auch wenn das Erscheinungsbild gewöhnungsbedürftig ist. Wie groß das Spielbrett insgesamt war, läßt sich nicht ableiten. Wenn wir eine Analogie zum heutigen Schachspiel heranziehen, wonach die Bauern im ersten Zug die eigene Bretthälfte nicht verlassen können, dann sollten zwei Reihen vor der Grundaufstellung frei bleiben. Somit ergäbe sich ein Spielbrett von 5x10 Feldern.



Wir sehen in der ersten Reihe die Bauern, die stärker sind als unsere heutigen Figuren. In der zweiten Reihe stehen fünf Läufer. Auf der Grundreihe finden sich neben dem König zwei Beschützer, die wie die heutige Dame ziehen, aber in der Reichweite begrenzt sind, sowie in den Ecken die gewohnten Türme. Für diese Aufstellung gibt es eine weitere Rechtfertigung: Die viereckigen Figuren auf der ersten Reihe, die den König säumen, sind im Original etwa doppelt so dick ausgebildet wie die dreieckigen Figuren und von daher wohl bedeutender für das Spiel. Dies scheint ihre Gangart zu bestätigen. Die für Schach typischen Springer fehlen.



Wie zog der König? Daß der König völlig zugunfähig gewesen wäre, ist ziemlich unwahrscheinlich, denn in diesem Falle hätte man auf diese Figur verzichten können und sie durch eine Markierung auf dem Spielbrett ersetzen können. Es muß daher nun ernsthaft gefragt werden, ob in diesem besonderen Spielsatz mit diesen speziellen Formen die runde Grundform des Königs und seine Erhabenheit als Kegel, die ansonsten weltweit als völlig normal und wenig aussagefähig gilt, Anlaß sein kann, eine Aussage über die Gangart zu suchen. Riskieren wir es. In Analogie zur vorhergehenden Vorgehensweise müßte daher nun eine kreisrunde Gangart auf dem Spielbrett gefunden werden, wenn die Anfangsthese beibehalten wird. Wie das nebenstehende Bild zeigt, ergibt sich unter Berücksichtigung der Größe des Spielbretts überraschenderweise nur eine einzige Gangart, die dieser Forderung annähernd gut entsprechen kann: Es ist der Springerzug! Die maximal zu erreichenden acht Felder liegen dabei in exakt gleichem Abstand zum Ausgangsfeld auf einem Kreisbogen. Der König zog in Übereinstimmung mit seiner Gestalt also wie ein Springer. Da die übrigen Figuren flach ausgebildet waren und im Spiel auf dem Brett geschoben werden konnten, liegt die Vermutung nicht fern, daß der König auch deswegen erhaben ausgebildet war, weil er bei seinen Zügen angehoben werden mußte, er also springen konnte. In diesem Spiel fehlte kein Springer, sondern der Springer war König! Man erschrecke nicht über diese waghalsig erscheinende Theorie, sondern erinnere sich an Lucena, der im Jahre 1497 als Erster ein Buch über das moderne Schach verfaßte. Seine Regel zum König, der einmal im Spiel wie ein Springer ziehen durfte, hat sich allerdings nicht durchgesetzt. 

Das Spielziel läge nun klar auf der Hand: Die Figuren zogen wie im Schach differenziert ins gegnerische Lager, indem sie feindliche Figuren schlugen, und hatten ein Hauptziel, nämlich den König zu fangen. Das Spiel wäre also ein Schachspiel, das zwar im ungewohnten Gewand daherkommt, im übrigen aber alle Kriterien eines Schachspiels leicht erfüllt. 

Warum also war das Interesse der Schachhistoriker an diesem archäologischen Fund so gering? Möglicherweise ist dieses Desinteresse auf die vier Würfel zurückzuführen, die dem Spiel beilagen. Dazu muß jedoch angemerkt werden, daß eine Paarung des Schachspiels mit dem Würfel so ungewöhnlich gar nicht ist. Dies gilt besonders für vergangene Zeiten. Schon vor etwa 1000 Jahren beschrieb Biruni ein Würfel - Schachspiel, das zu Viert gespielt wurde. Der Würfel gab dabei vor, welche Figurenart zu ziehen hatte.  

Wenn wir diese Spielidee, die die geistige Beanspruchung der Spieler erheblich reduziert, auf das Spiel aus Shar-i Sokhta übertragen, dann müssen wir jedem der zwei Spieler zwei Würfel zuordnen. Warum aber mag es je Spieler zwei Würfel gegeben haben? Vielleicht wollte man die Strenge eines einzelnen Würfels brechen und dem Spieler die Möglichkeit einräumen, jeweils zwischen zwei Figurenarten zu wählen. Es ist nämlich zu beachten, daß die Figuren nicht immer mit gleichen Chancen ziehen können oder gar zugunfähig sein können, wie es für alle Figuren außer denen auf der vorderen Reihe in der Ausgangsstellung gilt: Hier gab es nur eine Chance zu ziehen, wenn mindestens ein Würfel ein Auge zeigte.  Außerdem relativierte der Würfel den Vorteil, den ersten Zug ausführen zu dürfen.



Für einen eindeutigen Spielablauf müssen wir den Würfelaugen bestimmte Figuren zuordnen. Da die Stangenwürfel nur über vier Würfelseiten verfügen und andererseits ohne den König nur vier Figurenarten existieren, läßt sich leicht eine eindeutige Zuordnung vornehmen. Eine mögliche Zuordnung ist nebenstehend vorgenommen. Sie weist den kurzschrittigen Figuren die kleineren und den langschrittigen Figuren die größeren Würfelzahlen zu und orientiert sich dabei möglichst an ihrer Geometrie. Wir können auch annehmen, daß der König zu ziehen hatte, wenn beide Würfel die gleiche Augenzahl anzeigten. So also könnte das Spiel aus Shar-i Sokhta insgesamt interpretiert werden. Oder gibt es eine bessere Erklärung bzw. Deutung? Es ist übrigens auch vorstellbar, daß das Spiel in einer zweiten Version ohne die Würfel gespielt wurde, so daß es dem heutigen Verstandesspiel Schach außerordentlich nahe verwandt wäre. 

Ist dies alles der Spekulation zuviel oder haben wir ein Schachspiel mit einem Alter von mehr als 4000 Jahren vor uns liegen? Eines steht fest: Literarische Zeugnisse über dieses Spiel werden wir niemals finden, denn die Schrift war zum Zeitpunkt seiner Existenz noch nicht erfunden. Hier wird auf alle Zeit ausschließlich Spekulation bleiben.                                             

Fast volle vier Jahre sind vergangen, seit das Spiel aus Shar-i Sokhta erstmals im Jahre 1993 den Schachhistorikern in Amsterdam vorgestellt wurde. Der gleiche Zeitraum verging, ehe nunmehr eine passabel erscheinende Deutung des Spiels präsentiert wird. Da war der königliche Ratgeber Buzurgmihr doch von ganz anderem Kaliber, wenn man der Erzählung des Firdausi vor rund 1000 Jahren Glauben schenken darf. Innerhalb nur einer Woche löste er angeblich die Aufstellung und Gangart der indischen Schachfiguren, ohne das Schachspiel jemals vorher gesehen zu haben. Er konnte sich im Gegensatz zum Verfasser dieser Zeilen rühmen, mit Sicherheit die richtige Lösung gefunden zu haben.  

Bei der Deutung des Fundes aus Shar-i Sokhta wird es nie mehr eine Sicherheit geben, sondern allenfalls eine Suche nach einer harmonischen Lösung getreu der Aussage des ehemaligen Schachweltmeisters Wassili Smyslow: "Harmonie stellt eines der ältesten Ideale der Menschheit dar. Allerdings haben manchmal die Menschen darüber keine rechte Vorstellung. Nach meiner Auffassung äußert sich das Gefühl für Harmonie in den Fähigkeiten eines Menschen, in das Wesen der Dinge einzudringen, aus dem Chaos der Bilder, Klänge und Begriffe die Hauptsache auszuwählen, das ihnen Innenwohnende, den organischen Zusammenhang herauszufinden und sie in einem logischen Aufbau zu ordnen, sozusagen in Reih und Glied zu stellen." 


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D) Tim Krabbé, 2002

ONSTERFELIJKE WOESTHEID

Tegenover de finesse van de stille zet, waarover ik het de vorige keer had, staat het geweld van de woeste zet. De beroemdste serie woeste zetten komt voor in het 'Onsterfelijke schaakprobleem', zoals het nog steeds wordt genoemd.


 


Mat in 9, K. Bayer, 1856

1.Tb7 Dxb7 2.Lxg6+ Kxg6 3.Dg8+ Kxf5 4.Dg4+ Ke5 5.Dh5+ Tf5 6.f4+ Lxf4 7.Dxe2+ Lxe2 8.Te4+ dxe4 9.d4 mat.  Een wel zeer gewelddadige triomf van geest over materie: iedere zet na de eerste is schaak, de laatste is mat. Wit offert de dame, twee torens, loper en paard, om ten slotte met zijn laatst overgebleven stuk, een pionnetje, mat te geven.

Zulke krachttoeren zijn allang uit de mode, en ik wreef dan ook mijn ogen uit toen de Duitse componist Gerhard Josten mij deze stelling stuurde:


Mat in 13, G. Josten, 2000

1.Kc4 Een niet al te oorverdovende beginzet, maar dan vergaat de wereld: 1...cxd6 2.Pc3+ Pxc3 3.Dh1+ f3 4.Dxh4+ Tf4 5.Dhh7+ f5 6.Dxb7+ Dxb7 7.Dxb7+ d5+ 8.Dxd5+ Pcxd5 9.Pxd5 Pxd5 10.Te3+ Pdxe3+ 11.Dxe3+ Pxe3+ 12.Txe3+ dxe3 en nu het lawaai is verstorven: 13.d3 mat. Josten voegde een scheepslading varianten toe om de correctheid van zijn schepping te bewijzen, die mij geen andere keus laat dan hem op zijn woord te geloven.
Wit offert hier vier dames, twee torens en twee paarden, een record. Voor Josten was dat een neven-effect; zijn bedoeling was het bereiken van 'een beetje onsterfelijkheid door het aantal zetten van Bayers probleem te overtreffen. Als ik daarmee ook een maximum aan geofferde kracht heb verwezenlijkt, dan zou mij dat plezier doen.'

Dat werpt de vraag op naar het offer-record in een partij. Het volgende spektakel, dat nog niet de roem heeft geoogst die het verdient, is het antwoord.

Serper - Nikolaidis, Petersburg 1993
 
1.c4 g6 2.e4 Lg7 3.d4 d6 4.Pc3 Pf6 5.Pge2 Pbd7 6.Pg3 c6 7.Le2 a6 8.Le3 h5 9.f3 b5 10.c5 dxc5 11.dxc5 Dc7 12.O-O h4 13.Ph1 Ph5 14.Dd2 e5 15.Pf2 Pf8 16.a4 b4 17.Pd5 Het eerste offer, en het begin van een avontuur dat 30 zetten zal duren. 17...cxd5 18.exd5 f5 19.d6 Dc6 20.Lb5 Het tweede offer. 20...axb5 21.axb5 Dxb5 22.Txa8 Dc6 23.Tfa1 f4 24.T1a7 Pd7 Na 24...fxe3 maakt het dame-offer Dd5! er meteen een eind aan. 25.Txc8+ Enzovoort. 25...Dxc8 26.Dd5 fxe3 27.De6+ Kf8 28.Txd7 exf2+ 29.Kf1 Nu lijkt Zwart zich met 29...Da6+ 30.Kxf2 De2+ 31.Kxe2 Pf4+ 32.Kf1 Pxe6 te kunnen redden, maar na 33.c6 kan Zwart, ondanks zijn twee stukken extra, niets tegen de witte pionnen beginnen. Een goede verdediging lijkt echter ook: 29...De8 (zie diagram)





Wat nu? Een offer natuurlijk. 30.Tf7+ Dxf7 31.Dc8+ De8 32.d7 Kf7 33.dxe8D+ Txe8 34.Db7+ Te7 35.c6 Ook het laatste stuk wordt geofferd, al is het duidelijk dat Zwart dat niet aan kan nemen. 35...e4 36.c7 e3 37.Dd5+ Kf6 38.Dd6+ Kf7 39.Dd5+ Kf6 40.Dd6+ Kf7 41.Dxe7+ Nu heeft Wit dan toch, actief dan wel passief, al zijn stukken geofferd; dame, twee torens, twee lopers en twee paarden. 41...Kxe7 42.c8D Lh6 43.Dc5+ Ke8 44.Db5+ Kd8 45.Db6+ Kd7 46.Dxg6 e2+ 47.Kxf2 Wit moet nog even wat paardvorkjes ontwijken. 47...Le3+ 48.Ke1 en Zwart gaf het op. De onsterfelijke offerpartij.

© Tim Krabbé, 2002



E) Gerd Wilhelm Hörning & Gerhard Josten

Von der Partie zur Komposition, Problem-Forum 10/2002

Eines schicken wir vorweg: Wir sind von unserer Natur her Partiespieler, die sich wegen vieler Ähnlichkeiten auch mit dem Thema der Schachstudien befassen. Man sagt nämlich, aus Studien könne ein gewisser praktischer Nutzen für die richtige Behandlung von Endspielen gezogen werden. 
Wir haben nun am eigenen Leib erfahren müssen, dass der Weg von der Partie zur eigenen Komposition mit erheblichen Hindernissen verbunden ist, obgleich die Schachregeln über beide Sparten des Spiels in gleicher Weise herrschen. Und wir haben uns gefragt, weshalb für den überwiegenden Teil der Schachspieler der Weg zu den Kompositionen so unendlich schwer zu beschreiten ist. Fakt ist nämlich, dass nicht einmal ein Prozent aller Schachspieler diesen Weg geht, und das muss einen Grund haben. Aus unseren Erfahrungen wollen wir hier berichten, gleichzeitig aber auch diejenigen warnen, die in einer Fachzeitschrift ein Hohes Lied auf die Kunst der Schachkompositionen erwarten. Es sind unsere ganz eigenen, speziellen Erfahrungen, die nicht geeignet sind, blind auf andere Fälle übertragen zu werden. 
Zunächst zu den Schachproblemen. Die unorthodoxen Themen Selbstmatt, Hilfsmatt, Märchenschach oder Retroschach schieden schon deshalb aus unserem Interesse aus, weil die gewohnten Schachregeln hier nicht gelten. Sehr wohl war uns dabei bewusst, dass gerade Abarten der Schachregeln oder Spielereien mit ihnen im Mittelalter - z.B. durch den Bonus Socius - erst die Weiterentwicklung des arabischen zum europäischen Schach bewirkt und schließlich mit dem Buch von Lucena das langatmige Schach der Araber in das schnelle Schach der Europäer überführen geholfen hatten: Die Dame und der Läufer wurden geboren  Die später entwickelte Rochade brachte eine weitere Beschleunigung des Spiels mit sich. Heute wäre im Bereich der Schachpartie als neue Spielart zu nennen beispielsweise das Fischer-Schach, das möglicherweise eine grosse Zukunft haben wird. In dieser Schachvariante haben die Spieler 2880 unterschiedliche Möglichkeiten der Grundaufstellung. In der Mitte oder auch nur am Ende solcher evolutionären Entwicklungen sahen wir uns wegen der Verbundenheit mit dem Partieschach überhaupt nie; auch reichte uns die unfassbare Vielfalt, die die Regeln des FIDE - Schachspiels ohne jede weitere Zugabe von sich aus bieten, bei weitem aus, um unseren Tatendrang zu befriedigen. Nein, Extremisten waren wir nie, das hatten unsere Eltern uns so in die Wiege gelegt, und das förderte auch unsere Freundschaft. Dennoch haben wir Respekt vor den Abenteurern, die das gewohnte und sichere Gleis der Tradition verlassen und den Mut aufbringen, ganz eigene Wege zu gehen und unsicheres Terrain zu erkunden. Es gibt hier für denjenigen, der vor Mut strotzt, ein riesiges Betätigungsfeld.
Der Zugang zu den orthodoxen Schachprobleme blieben uns ebenfalls verschlossen, obgleich sie  die geltenden Schachregeln der FIDE ohne Einschränkungen beachten. Wir wissen, um auch dies vorweg zu nehmen, ziemlich genau den Grund: Entweder sind wir tatsächlich keine Künstlernaturen, oder wir haben unsere künstlerische Gabe trotz intensiver Suche bis heute nicht ausmachen können. Man kann diesen Umstand bedauern oder, wie wir es gehalten haben, in aller Bescheidenheit einfach hinnehmen. Zum Künstler wird man nicht gemacht, sondern geboren.
Uns ist natürlich nicht verborgen geblieben, dass eine Menge von Abhandlungen sich mit den Anforderungen befasst, die an Schachprobleme generell gestellt werden. Hier ist immer wieder die Rede davon, dass künstlerische Ausgestaltung mit thematischen Elementen im Vordergrund der Komposition stehen müssen. Eine Aufzählung dieser Elemente wollen wir uns hier ersparen, das hieße nicht mehr, als Eulen nach Athen tragen zu wollen. Das Schachspiel ist nach unserer Auffassung in dieser Art der Betätigung nur noch das notwendige Rüstzeug, um Kunstwerke von Dauer zu schaffen, so wie der Pinsel, das Tuch und der Farbtopf das Rüstzeug des Malers bilden, der ein Gemälde in Angriff nimmt. Von einigen wenigen Meistern abgesehen sind daher Schachkomponisten keine Partiespieler mehr. Sie haben den Schritt von der praktischen Ausübung eines Strategie- und Positionsspiels in Form eines Kriegsspiels hin zu einer künstlerisch Beschäftigung vollzogen. Auch den orthodoxen Komponisten erweisen wir unseren Respekt. Menschen mit einer künstlerischen Begabung finden in diesem Sektor des Spiels ganz sicher eine gute Heimat. 
Im Bereich der Studien trat uns dagegen eine ganz andere Welt der Schachkomposition entgegen, eine Welt, die uns schließlich auch zu Freunden machte. Und das kam so. Nach einer Schachpartie erinnerte sich einer von uns an eine Studie, die mit einem ähnlichen Motiv arbeitete wie eben diese Partie. Und damit begann unser gemeinsamer Weg in die Studien, den wir nun schon über 10 Jahre gehen und intensivieren. Einer von uns geht sogar so weit, seine Studien ausschließlich aus seinen eigenen Partien zu entwickeln, indem er dort entstandene Stellungen optimiert. Seine Rechtfertigung liefert ihm u.a. der berühmte ehemalige Schachweltmeister Aljechin. Fast jeder Schachspieler hat schon einmal dessen Fünf-Damen-Partie vor Augen gehabt. Die gesamte Schachwelt erstarrte fast ein halbes Jahrhundert in Ehr­furcht vor der anscheinend genialen Leistung des Weltmeisters. Daher gehört das folgen­de Diagramm zu den zehn meistgedruckten Stellungen der Welt.


Aljechin - Grigorjew  (?), 1915

Aljechin gab an, diese Stellung sei in seinem Wettkampf gegen Grigorjew 1915 nach dem Zug 23....b1/D entstanden. Nun gewann er, wie er in seinem Kommentar schrieb, mit 24.Th6! Dieser Zug, ein unerwarteter und stiller zugleich, hätte für sich allein schon einen Schönheitspreis verdient.
Aber die gesamte Partie war, wie Tim Krabbé  1985 in seinem Buch <Chess Curiosities>  herausstellte, eine komplette Fälschung, denn sie basierte auf einer Partie, in der Aljechin nicht die weißen, sondern die schwarzen Steine führte. Er hatte tatsächlich nur die reale Partie darauf hin untersucht, wie Weiß auf  einen möglichen Zug von Schwarz reagiert hätte. Was ihn zu dieser Tat getrieben haben könnte, das schrieb Aljechin in einem anderen Zusammenhang 1929 für die Nachwelt auf: 
"Ich wäre gern in der Lage, für mich allein zu schaffen, ohne gezwungen  zu sein, - wie es in Partien unvermeidlich ist, - meine Pläne an die des Gegners anzupassen, um etwas in die Welt zu setzen, das Bestand hat. Oh, diese Geg­ner, Kollaborateure gegen deine eigenen Absichten, deren Vorstellungen von Schönheit sich stets von deinen eigenen unterscheiden, und deren Mittel häufig zu begrenzt sind, um dir effektiv zu helfen. Welch´ eine Qual, in deinen Gedanken und deiner Phantasie an einen anderen Menschen gebunden zu sein." 
Aljechin brachte genau das zum Ausdruck, was uns bewegte und noch heute bewegt. Er hätte unser geistiger Vater sein können. Sein obiges Stück, das wir schon als Studie bezeichnen möchten, lebt ausschließlich von den Kräften, die im Schachspiel wirken - und das ist bei fünf Damen wahrhaftig eine ganze Menge -, erfüllt darüber hinaus aber sogar das Element der Überraschung durch einen stillen und völlig unerwarteten Zug, ohne irgendwelchen weiteren künstlerischen Ansprüchen gerecht werden zu können. Gerade das Element der Überraschung, das wir in arabischen Mansuben ständig vorfinden und das noch von Stamma ausgiebig exerziert wurde, ist von den modernen Komponisten von der Bühne verdammt worden und musste anderen Anforderungen weichen. 
Mit diesem geschichtlichen Wandel ist belegt, dass die Bewertung von Kompositionen auch modischen Erwägungen unterliegt, und daher sollte es nach unserer Auffassung eine Existenzberechtigung für Studien geben, die allein auf der Vielfalt und auf den Kräften des Schachspiels selbst beruhen, denn diese Grundlagen sind keinem modischen Einfluss unterworfen, sondern sie haben auf Dauer Gültigkeit. Das ist zumindest unsere Hoffnung, weil es auch unsere Basis ist: Der Kampf ist unser Element. Den versteckten und überraschenden Zug zur richtigen Zeit in einer Partie aufzuspüren und den Kontrahenten vor eine unlösbare Aufgabe zu stellen, das ist unsere Schachheimat. Und genau diesen Bezug bietet uns bei der Beschäftigung mit Schachkompositionen allein die Welt der Studien, ein bescheidener Bereich, gewiss, aber ein Bereich, der sich uns von der Schachpartie her kommend relativ leicht erschloss. Wir begnügen uns mit dem Rüstzeug der Kenntnis der Schachregeln und sehen den Schwierigkeitsgrad der Lösung einer Studie als den ersten Maßstab für ihre Bewertung an.
Hier wollen wir die sicherlich bekannte Studie von Behting nochmals zeigen, die uns einerseits  bis auf den heutigen Tag in Erstaunen und Bewunderung versetzt, andererseits nach unserer Meinung aber auch unseren obigen Kriterien völlig entspricht. Eigene Blindheit in der Beurteilung dieser Studie wollen wir an dieser Stelle nicht ausschließen, weil wir halt keine anerkannten Experten in Sachen Schachkomposition sind. Es mag sein, dass ein Experte in dieser Studie dennoch künstlerische Elemente aufzuspüren in der Lage ist, aber wir erkennen in dieser Studie immer nur noch die halbwegs ewigen Regeln, denen das Schachspiel gehorcht, und einen fast nicht zu übertreffenden Schwierigkeitsgrad. Selbst bei nachgewiesener Präsenz von Kunst in dieser Studie stünde diese nach unserer Meinung nicht an erster Stelle der Bewertung, sondern sie hätte bestenfalls den gleichen Stellenwert.  


Weiß am Zug hält remis, Behting, Baltische Schachblätter, 1908 

Die Lösung dieser Studie basiert auf dem einfachen Prinzip, dass eine Dame allein ohne die Hilfe einer weiteren Figur nicht mattsetzen kann. Nach dem Schlüsselzug 1. Kc6, der den weißen König ins Abseits stellt und ihn gegen alle Binsenweisheit zur Endspieltheorie aus dem Kampfgeschehen entfernt, bleibt der schwarze König im weiteren Verlauf eingesperrt, so dass er seine Dame nicht mehr in ihrem Kampf unterstützen kann. Der schwarze König steht eigentlich gar nicht auf dem Brett! Die konkrete Umsetzung dieses Prinzips ist hier allerdings auf außerordentlich subtile Weise komponiert, und sie grenzt an ein Wunder. Wunder besitzen so etwas wie ewige Gültigkeit. Da wundert es uns nicht weiter, dass zur Zeit in den Niederlanden die Ausschreibung eines Studienturniers läuft, das von <Böhm Communications> in erheblicher Weise gesponsert wird und das Thema "Quiet Move" zum Inhalt hat. 
Anspruchsvoller, als eine Studie nur den Kriterien der Ökonomie und des Schwierigkeitsgrades zu unterwerfen, ist natürlich die Herausforderung, ihr auch zusätzliche thematische und damit künstlerische Elemente zu verleihen. So weit sind wir noch nicht gekommen, weil wir uns immer noch der Partienähe und der Kampfidee des Spieles mehr verpflichtet sehen als dem künstlerischen Anspruch. Über diesen Schatten sind wir noch nicht hinweggesprungen, aber vielleicht schaffen wir das eines Tages auch noch. Wir zeigen abschließend ein Beispiel aus unserer Arbeit, das einerseits unser vielleicht einseitiges Verständnis von Studien und andererseits unsere latente Unsicherheit verdeutlichen soll:


 



 


Weiß am Zug gewinnt, Gerd Wilhelm Hörning und Gerhard Josten 

Die Stellung zeigt einen sehr partienahen Charakter, das bestätigt sicher gern jeder Schachspieler. Materiell scheint Schwarz das Übergewicht zu besitzen. Weiß verfügt über einen gefährlich weit vorgedrungenen Freibauern. Der Kampf steht auf des Messer´s Schneide. Auf Anhieb ist eine zwingende Fortsetzung nicht zu erkennen. Weiß beherrscht das Zentrum, ihm steht eine Menge von Zügen zur Verfügung, von denen jedoch nur die Folge 1.cxd7 Dxd7 2.Sxf6 Dxa4 3.Db5 mit einem unerwarteten Damenopfer zum Gewinn führt. So sah unsere erste Fassung aus, die wir Manfred Seidel, dem Leiter der Studienabteilung im Problem-Forum, zur Veröffentlichung anboten. Seine Kritik wandte sich in erster Linie gegen die Masse des Materials, und so riet er uns im Sinne einer ökonomischen Darstellung zu einer wesentlichen Reduzierung. Diesem Rat sind wir gefolgt, und die Veröffentlichung der materialärmeren Fassung erfolgte dann im Problem-Forum 8/2000. Auch heute sind wir mit dem Kompromiss, den wir damals eingingen, immer noch nicht ganz glücklich. Aber vielleicht mussten wir einfach zu unserem Glück gezwungen werden. Die Zukunft wird richten.
Kommen wir zum Schluss. Ein Blick zurück in die Schachgeschichte hat Erstaunliches zu Tage gefördert. Der englische Schachgeschichtsforscher H.J.R. Murray berichtet, dass alle frühe arabische Literatur über das praktische Spiel den überwiegenden Teil der Abhandlungen dem Endspiel widmet. Ein weiterer Aspekt der arabischen Literatur wurde uns beim genaueren Studium deutlich: Die ständige Verknüpfung von Spiel und Studie. Der arabische  Schriftsteller al-Adli, der im 9. Jahrhundert lebte, bemerkt in seinem Buch über das Schachspiel, dass beispielsweise die folgende Studie auf einer Partie zwischen den Spielern al-Khathami und ar-Riahi beruht.


Weiß zieht und gewinnt, nach al-Adli

Die Lösung ist bei al-Adli so angegeben: 1.Sg5+ Kd5 2.Td8+ Kc4 3.Tc8+ Kb3 4.Txc3+ Kxc3 5. Se4+ 6.Sxd2+ exd2+ 7.Kxd2 und Weiß gewinnt. Zu beachten ist, dass die Dame damals nur ein Feld weit diagonal ziehen konnte. Die Originalfassung wurde von uns in eine moderne Darstellung gebracht.

Wir befinden uns also mit unserem Interesse in bester historischer Gesellschaft! Oder sind wir nur die Ewiggestrigen?  




F) Schach ist voller Rätsel

(Rochade Europa 7/2009)

Diese Weisheit gilt nicht nur für das königliche Spiel selbst auf den 64 Feldern, obwohl die Computer mit ihrer unglaublichen Rechengewalt heute auf dem besten Wege sind, auch seine letzten spielerischen Rätsel zu lösen. Aber im kulturellen Umfeld des Schachspiels harren noch viele Rätsel ihrer Lösung. Das beste Beispiel dafür ist die ungelöste Frage nach den Ursprüngen des Spiels, die von den Schachhistorikern irgendwo zwischen China, Indien und Persien vermutet werden.[1]
Doch auch die kleinen kulturellen Rätsel von heute weisen einen gewissen Charme auf, weil sie die Faszination spüren lassen, die das Schachspiel auf seine Anhänger ausübt. So findet man im Internet ein Ölgemälde mit fast 50 Schachspielern, das seinesgleichen sucht. Es wird von der National Portrait Gallery in London (NPG) mit dem Titel “Chess players” gezeigt.[2] Schon hier beginnt das Rätsel, denn von den abgebildeten Spielern in der illustren Gesellschaft werden von der Galerie im Internet nur genau 12 Personen auch namentlich aufgelistet: Henry Edward Bird, Joseph Henry Blackburne, Richard Dawson, Charles Godfrey Gumpel, Bernhard Horwitz, Johann Jakob Lowenthal, George Alcock Macdonnell, James Mason, Anthony Rosenbaum, Wilhelm Steinitz, George Walker und Johannes Hermann Zukertort. Warum erfolgte diese Einschränkung?



 

 

 



Weiter erhält man im Internet die Information, dass das Gemälde in der Zeit von 1874 bis 1880 von Anthony Rosenbaum gemalt wurde, der 1888 starb. Es ist der Galerie 1939 von einem gewissen F. G. Hamilton-Russell vermacht wurde. Die Abmessungen betragen beträchtliche 813 mm x 1524 mm. Da im Internet nur eine schwarz-weiße Abbildung aufzufinden war, erfolgte eine Anfrage bei der NPG wegen einer Farbabbildung. Von dort kam die Antwort, es existierte nur ein schwarz-weißes Foto und das Gemälde wäre derzeit ausgeliehen. Der aktuelle Aufenthaltsort wurde nicht angegeben. Dann wurde von der NPG noch nach der Auflagenhöhe des Magazins für diese Veröffentlichung gefragt, um damit die fälligen Gebühren eintreiben zu können, obgleich die auch in England geltende 70-jährige Frist für die Vervielfältigungsrechte bereits lange abgelaufen war. Rätselhaft jedoch blieb zunächst, warum es keine Farbablichtung gab. Die NPG teilte dazu lapidar mit: “The painting has never been photographed in colour, and it is on loan away from the Gallery.“

Wer war nun dieser angebliche Künstler Anthony Rosenbaum? Die Galerie kennt offenbar nur sein Todesjahr, nicht aber sein Geburtsjahr. Das überrascht einigermaßen. Das Internet bietet bei der Suche nach einem Maler oder Schachspieler dieses Namens kaum eine Hilfe. Wohl nennt das englische Schachmagazin NEW IN CHESS[3] das Geburtsjahr 1831 und den genauen Todestag: 26. 4. 1888. Es notiert ferner eine Partie, die Anthony Rosenbaum 1883 in Halle bei der Gründung des Saale-Schachbundes nach 44 Zügen gegen Siegbert Tarrasch verloren haben soll, denn das Magazin nennt als Turnierort den „1. SSB Congress 1883“. In den Annalen des SSB zur Gründungsversammlung am 21. Januar 1883 findet sich dagegen folgender Beleg: Nach der Delegiertenversammlung und dem Mittagessen konnten nachmittags 14.00 Uhr die Turniere beginnen. Im Hauptturnier, das im KO-System ausgetragen wurde, siegte der in Halle immatrikulierte Medizinstudent Siegbert Tarrasch, der das Endspiel gegen Otto Rosenbaum, einem angesehenen jüdischen Kaufmann aus Dessau, gewann.

Wunder über Wunder! Der Dessauer Otto Rosenbaum hatte sich bei NEW IN CHESS plötzlich in einen englischen Anthony Rosenbaum verwandelt. War Anthony Rosenbaum vielleicht nur ein Phantom? Zur Klärung erfolgte eine zweite Anfrage bei der NPG. Dabei wurde auch nach dem Anlass des Gemäldes und den übrigen dargestellten Personen gefragt. Die Antwort kam dieses Mal von der Forschungsabteilung und war gegenüber der ersten Nachricht überaus freundlich und umfassend. Zwar wurde zugestanden, dass man dort nur sehr wenig über Anthony Rosenbaum wisse, aber dann wurden einige kleinere und recht unbedeutende Einzelheiten aus seinem Leben angeführt. Doch selbst hierbei gab es neue Rätsel. Beispielsweise sollte er Mitglied des Metropolitan Chess Club gewesen sein. Dieser Londoner Club wurde aber erst am 17. April 1890 gegründet, also zwei Jahre nach Rosenbaums Tod. Auch sollte er aktiv an der Organisation des Londoner Schachkongresses 1883 beteiligt gewesen sein. Merkwürdig ist, dass einer der Teilnehmer Samuel Rosenthal hieß. Samuel Rosenthal war ein in Frankreich ansässiger recht guter Schachspieler polnischen Ursprunges, der aber wesentlich mehr Geld mit der Organisation von Turnieren verdiente. Ferner wusste man in der NPG, dass Rosenbaum bereits 1874 vergeblich ein Angebot unterbreitet hatte, 18 der prominentesten Londoner Schachspieler zu malen. Erst in 1877 soll er sich dann entschieden haben, ein fiktives Schachtreffen zu malen, das die Portraits aller hervorragenden Schachspieler der Zeit enthalten sollte, wie es oben gezeigt ist. Auch wurden nunmehr seitens der NPG alle dargestellten Persönlichkeiten einzeln benannt und begründet, weshalb auf der Internetseite nur 12 Spieler namentlich aufgeführt werden: Die Galerie hält nur diese Personen für erwähnenswert, weil sie die Anforderungen für die Portraitsammlung der bedeutendsten Persönlichkeiten in der britischen Geschichte voll erfüllen. Die Zuordnung der Namen zu den Abbildungen im Gemälde nach Angaben der NPG sei hier der Vollständigkeit halber ebenfalls noch gezeigt:



Es sind: 1 Professor Wayte, 2 Mr Salter, 3 Mr Minchin, 4 Mr Cubison, 5 Earl of Dartrey, 6 Mr  Woodgate, 7, 8 Mr Wyvill, 9 10 Mr Greenhough, 11 Mr Day, 12 Mr Donnisthorpe 13 ? waiter, 14 Mr Tinsley, 15 Rev Mr Macdonnell, 16 Mr Lowenthal, 17 Mr Bird, 18 Mr Blackburne, 19 Mr Vyse, 20 Mr Mason, 21Mr Lord, 22 Mr Walker, 23 Mr Hoffer, 24 Mr Steinitz, 25 Mr Zukertort, 26 Mr Potter, 27 Mr Horwitz, 28 Mr Murton, 29 Mr Studd, 30 Dr Ballard Sen., 31 Mr Hirschfeld, 32 Mr Chapman, 33 Mr Clark, 34 Mr Thomson, 35 Mr Walrond, 36 Mr Gastineau, 37 Rev Mr Pearson, 38 Mr Kunwald, 39 Mr Rabbeth, 40 Mr Eccles, 41 Mr Wagner, 42 Mr Gümpel, 43 Mr Coburn, 44 Dr Ballard Junr., 45 Mr Mackern, 46 Mr Rosenbaum, 47 ? waiter.

Erstaunlich bleibt in diesem Zusammenhang, dass einer der führenden englischen Schachköpfe der damaligen Zeit keine Berücksichtigung fand: Howard Staunton (1810 - 1874), der das berühmte Londoner Turnier von 1851 initiiert hatte. Anthony Rosenbaum hätte ihn zumindest auf der Wand im Hintergrund posthum ehren können, wo stattdessen offenbar links Paul Morphy (1837 – 1884) und rechts Adolf Anderssen (1818 – 1879) in einem Gemälde abgebildet sind. Allerdings gab die NPG an, im linken Gemälde hätte Anthony Rosenbaum sich selbst abgebildet. Dies kommt fast einem Aprilscherz gleich und wurde der NPG abschließend in moderater Form als potenzielles Forschungsprojekt empfohlen. Es ist aber wegen der Unschärfe der Abbildung auch nicht gänzlich auszuschließen, dass tatsächlich links Rosenbaum und rechts Staunton gemeint sind. Die NPG wird das nochmals prüfen. Ergäbe sich ein positives Ergebnis, dann hätte Rosenbaum sich selber mit der Positionierung neben Staunton ein wahres Ehrenmal gesetzt. Ebenfalls überrascht, dass der Österreicher Wilhelm Steinitz, der am oberen rechten Spielbrett sitzend zu sehen ist, unter den bedeutenden britischen Persönlichkeiten aufgeführt wird.

Im weiteren Verlauf der Recherchen gewann die Aussage der NPG an Bedeutung, ein gewisser F. G. Hamilton-Russell habe das Gemälde im Jahr 1939 der Galerie zum Geschenk gemacht. Von ihm allein stammen also wohl die Informationen, über die die NPG hinsichtlich Rosenbaums verfügt. Wer war F. G. Hamilton-Russell? Sein voller Name lautet Frederick Gustavus Hamilton-Russel. Dieser Schachmagnat erfand anlässlich der ersten Schacholympiade in London 1927 den nach ihm benannten Hamilton-Russell Cup, die Trophäe für die siegreiche Mannschaft der Männer, die bis heute im Zweijahresrhythmus vergeben wird. Hamilton-Russell war auch Präsident der britischen Schachföderation und lebte von 1867 bis 1941.

Fotos aus dieser Zeit sind rar, aber der Schachhistoriker Edward Winter zeigt in seinen Chess Notes vom 27. Mai 2009 unter der Nummer C.N. 6114 ein Foto von Hamilton-Russell, das im im British Chess Magazine, Ausgabe Juni 1926, erschienen war und unten wiedergegeben wird.[4] 



Hamilton-Russell


Der Hamilton-Russell Cup

In der Zwischenzeit ergab sich bei den Recherchen zur Güte des Gemäldes eine neue Sachlage. Der Schachanhänger Frank Mayer aus Sitges (Barcelona) berichtete nämlich im Internet unter dem Titel „Rückkehr in die Vergangenheit: ein Schachclub im Herzen des “alten” London“ über seine schachlichen Entdeckungen in London.[5] Darunter befand sich auch ein Foto des besagten Gemäldes. So war zu erfahren, was die NPG noch als ihr Geheimnis gehütet hatte: Das Gemälde hing zumindest während eines Londoner Aufenthalts von Frank Mayer, nämlich im Jahr 2006, im Souterrain von Simpson's-in- the-Strand in London, wo er es auch fotografiert hatte. So schien es. Die Überraschung war perfekt: Auch das Foto von Frank Mayer hinterließ keine sichtbaren Farben auf dem Film zurück und daher vermehrten sich die Zweifel, dass es sich überhaupt um ein Gemälde im herkömmlichen Sinn handelte. Frank Mayer erwies sich als sehr kooperativer Partner. Bei seinem nächsten Besuch im April 2009 in London zog er weitere Erkundigungen ein. Dabei stellte sich heraus, dass das Exemplar in Simpson's-in-the-Strand nicht nur kleiner als von der NPG angegeben war, sondern offenbar nur eine Lithografie präsentierte. Tatsächlich aber zeigte das Stück nur schwarz-weiße Farben, die wohl mit Pinselstrichen aufgebessert worden waren. Mayers Rückfrage bei der NPG mündete in die Auskunft, dass zu der damaligen Zeit oftmals in diesem Stil mit Öl auf Leinwand gemalt worden wäre und dass Rosenbaum damit die Zweifarbigkeit der Schachsteine oder Schachfelder dokumentieren wollte. Die frühere Auskunft der NPG, das Gemälde wäre niemals in Farbe fotografiert worden, kann daher nur entweder als englischer Humor oder als Unkenntnis gedeutet werden. Frank Mayer erhielt ferner die Auskunft, dass das Gemälde sich nun im Billardraum des Bodelwyddan Castle in Denbighshire, North Wales befindet.




An dieser Stelle endet die Darstellung der Fakten um das Gemälde und es mag erlaubt sein, am Ende eine vage Vermutung auszusprechen. Jeder Spieler, der sich einmal vom Schachvirus anstecken ließ, macht die Erfahrung, dass man sich seinem Bann nur schwer wieder entziehen kann. Solche Fälle wie Paul Morphy, der nach seinem glänzenden Siegeszug durch Europa das Schachspiel für immer an den Nagel hängte, wiederholen sich recht selten. Stefan Zweig greift in seiner Schachnovelle ebenfalls zu diesem Mittel der Verabschiedung. Schach ist und bleibt dennoch eine Faszination – nicht nur bei der kriegerischen Auseinandersetzung am Brett, sondern auch bei seinen kulturellen Begleitern. Dieser Faszination könnte der edle Cup- und Gemäldespender aus London gleichermaßen erlegen sein. Jedenfalls liegt nach den vielen Rätseln und Ungereimtheiten um dieses virtuelle Gemälde der Verdacht nicht ganz fern, dass Frederick Gustavus Hamilton-Russel ein äußerst erfindungsreicher Mann war, weil er sich mit dem von ihm gestifteten Pokal für die Schacholympiaden einen fast unsterblichen Namen machen konnte. Sollte das potenzielle Phantom Anthony Rosenbaum auch zu seinen geistreichen Erfindungen zählen? Ist Rosenbaum nur sein Pseudonym? Stammt die Abbildung der Schachpersönlichkeiten vielleicht aus seiner eigenen Werkstatt so wie sein Pokal? Eine allererste Vermutung zu Beginn der Recherchen, das Bild zeigte vielleicht die Teilnehmer eines großen Schachturniers, weil sich im Vordergrund ein großer Pokal befindet, erwies sich sehr bald als nicht mehr haltbar. Was also sucht diese überflüssige, ja sogar irreführende Trophäe auf dem Gemälde? Auch wenn Pokale sich in ihrer Form nicht wesentlich unterscheiden, sei die Frage erlaubt: Erweckte Hamilton-Russell sie etwa mit seinem realen Cup später zu neuem Leben?

Die kompositorische Qualität des Bildes lässt im Übrigen sehr zu wünschen übrig und von einem Meisterwerk kann – unabhängig von der fehlenden Farbe – keine Rede sein. Die Personen präsentieren sich völlig beziehungslos und ihr einziges verbindendes Element sind außer ihrer Tatenlosigkeit die drei Schachbretter. Man gewinnt fast den Eindruck, es handelte sich bei dieser Abbildung um eine Fotocollage. Aber können und dürfen wir Frederick Gustavus Hamilton-Russel seine Erfindungen verübeln? Nein! Er legt damit Zeugnis ab für seine überdeutliche Verehrung unseres geliebten Spiels und verdankt unsere Hochachtung, wie auch Frank Mayer, der eine sehr sehenswerte Seite im Internet mit dem Titel „Schach und Kultur“ führt, die von ihm regelmäßig fortgeführt wird.[6]

Welches Spiel dieser Welt kann sich schon rühmen, so wie das Schachspiel durch den Einfluss dreier ganz unterschiedlicher Kulturen in Asien geboren und weltweit bis heute in einem breiten kulturellen Rahmen eingebettet zu sein?

Gerhard Josten

 
[1] http://www.netcologne.de/~nc-jostenge/

[2] http://images.google.de/imgres?imgurl=http://images.npg.org.uk:8080/OCimg/264_325

3] http://www.newinchess.com/NICBase/Default.aspx?PlayerID=119726

[4] http://www.chesshistory.com/winter/archives.html

[5] http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=5672

[6] http://schach-und-kultur.com/

Addendum: Am 22. Januar 2010 erhielt ich dazu folgende Nachricht:

Lieber Herr Josten,
zu den in Ihrem Artikel "Schach ist voller Rätsel", Rochade Europa 7/2009, S.52-54 (auch elektronisch verfügbar unter http://www.schachquellen.de/5643.html ) aufgeworfenen Fragen bezüglich des Malers der Gemäldes "Chess players" können vielleicht die beiden folgenden Nachrufe ein bißchen Licht ins Dunkle bringen:

The British Chess Magazine, July 1888, p.320

<Zitat>
Mr. Anthony Rosenbaum, an artist of great merit, and a member both of the St. George's and British Chess Clubs,died on April 26th, in his 57th year. He was, we believe, anative of Hamburg, and was born, as he himself informed us, in June, 1831.  He was the honorary secretary and chief promoter of the West End Chess Club, which, during its brief existence of two years (1876-8), occupied not un-successfully the place in Central London now filled by the British C. C. His well-known oil painting of the leading players and amateurs of the day was first exhibited in October, 1880, and was highly appreciated both as a work of art and an admirably arranged group of authentic portraits. It now hangs in the British C. C., having been lent to the club by its owner, Mr. Thursby.  Mr. Rosenbaum was a capable problemist, with very strong notions of "purity" and "economy of force;" as a player he did not rise above Knight strength and, like some other composers we have known, ften spoilt his game by looking out for problem-like mates which did not come off.  As director of play in the tournament of 1883 he showed both energy and courtesy, and satisfied all reasonable criticism; unreasonable he did not attempt to satisfy, and happily for himself, was little moved by it.  In the St. George's Club, we are sure, his loss is universally regretted.
<Zitatende>

################################################################

The Chess Monthly, June 1888, p.294

<Zitat>
We regret to have to record the death of Mr. Anthony Rosenbaum, which occurred on April 26, at the age of 58 years. Mr. Rosenbaum was connected with English Chess for over twenty years; but he only took a prominent place when, at his instigation, the late West End Chess Club, of which he was the secretary, was established. The club was in a flourishing condition under his management; but owing to his serious illness of several months' duration, the attendance gradually grew less, and the club was dissolved after a most successful existence of two years.  During that period Mr. Rosenbaum commenced the well-known oil painting representing the leading chess players and amateurs of the day, now in the possession of Mr. J. 0. S. Thursby, and at present exhibited at the British Chess Club.  As an esteemed member of the leading Metropolitan Chess Clubs, Mr. Rosenbaum took an active part as one of the organisers of the International Chess Tournament, London, 1883, the success of which was, in no small degree, due to his energetic efforts as Director of Play, and the publicity given in the daily press through his influence. For some years he tried his hand at the composition of problems, and contributed many original compositions to the Chess-Monthly, as well as to other leading Chess papers and periodicals. Mr.Rosenbaum was a highly esteemed member of the St. George's and British Chess Clubs, and his loss is universally regretted.  If a proof of his worth were needed, it would be forth-coming in the fact that he was singled out, in connection with many other leading English Chess players and amateurs, for an unjustifiable attack in certain quarters. Mr. Rosenbaum would not condescend to reply; but in justice to his memory, we may state that these attacks have produced the contrary effect they were intended to produce-viz., indignation and contempt of the source from which they emanated.
<Zitatende>

Mit freundlichen Grüßen

mario richter

Anmerkung: Schon 1888 entstand also das irrige Märchen um ein Ölgemälde, das sich offenbar bis heute gehalten hat.

 
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